Von Dietrich Strothmann

Die Bilanz löst Entsetzen aus: In hundert Tagen hundert Tote. Es ist die Bilanz eines regelrechten Krieges, geführt seit Anfang Dezember zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Soldaten und Zivilisten, unter Zwanzigjährigen auf beiden Seiten, die einen mit Gewehren und Knüppeln bewaffnet, die anderen mit Steinen und Molotowcocktails. Es ist ein ungleicher Krieg zwischen Ungleichen: Kinder, Mädchen und Frauen oft auf der einen, eine hochgerüstete, hochtrainierte Armee auf der anderen Seite. Und die hundert Toten in den hundert Tagen des Aufstandes in Westjordanien und Gaza sind alles Palästinenser – erschossen, erschlagen.

Seit dem letzten Wochenende beklagen die Israelis auch den Tod ihres ersten Soldaten, getroffen von einem Heckenschützen in Bethlehem durch zwei Schüsse in den Hinterkopf. Der Krieg, dessen Ende noch nicht abzusehen ist, droht nun eine neue Dimension anzunehmen: Von jetzt an, so die Anweisung des Verteidigungsministers Jitzhak Rabin, dürfen die Soldaten sofort auf jeden Palästinenser schießen, der Brandflaschen gegen sie wirft. Wie mag die Bilanz nach den nächsten hundert Tagen lauten?

Wegen der Fernsehbilder und Zeitungsberichte der letzten Wochen war Israel in der westlichen Welt an den Pranger gestellt worden: Soldaten, die Palästinenser lebendig mit einem Bulldozer begraben, die mit Felsbrocken auf gefesselte Demonstranten einschlagen, um ihnen die Arme zu brechen. Soldaten, die mit Tränengaspistolen jungen Mädchen auf kürzeste Entfernung mitten ins Gesicht schießen, auf am Boden liegende Frauen mit Gewehrkolben einschlagen. In der Stadt Ramallah wurde eine Mauer gezeigt, die „Prügelmauer“, an der regelmäßig verhaftete Jugendliche derartig blutig geprügelt wurden, daß die Spuren an den Steinen noch Stunden später sichtbar waren.

Jeden Tag, regelmäßig kamen solche Szenen auf westliche Fernsehgeräte, erregten Erschrecken und Empörung. Amerikanische Juden, stets Israels treueste Verbündete, äußerten öffentlich ihre Bestürzung, westeuropäische Regierungen und Parlamente hielten mit Kritik nicht hinter dem Berge.

Was halfen da israelische Warnungen und Richtigstellungen? Wenn Jerusalems Parlamentssprecher, Schlomo Hillel, ein Sozialdemokrat, einwandte: „Wir brauchen Freunde, die uns loben. Die Israelis kritisieren sich gegenseitig selber genug.“ Oder wenn auf einen Ausspruch des arabischen Bürgermeisters von Nablus, Hafis Tukan, verwiesen wurde: „Jedes palästinensische Kind, das getötet wird, dient der palästinensischen Sache!“ Was nützten auch die Erklärungsversuche, wonach die Palästinenser häufig erst dann Steine werfen, wenn westliche Fernsehcrews an Ort und Stelle sind, daß Eltern oft ihre Kinder mutwillig auf die Straße schicken, um die Soldaten zu provozieren? Der Goliath Israel ist in diesem „schmutzigen“ Krieg der wahre Schuldige, hieß es überall.

Dabei führt das Land, das in einem Monat den vierzigsten Jahrestag seiner Staatsgründung feiert, einen Zweifrontenkrieg – gegen die seit über zwanzig Jahren bevormundeten Palästinenser wie gegen einen großen Teil seiner eigenen Bevölkerung. Vernehmlicher und eindringlicher kann kein Protest sein, als der in Israel selber. Sonst wäre unvorstellbar, daß sich immer mehr Reservisten weigern, in den okkupierten Gebieten den verordneten Dienst zu tun, und dafür lieber ins Gefängnis gehen. Ungewöhnlich, daß sich Zehntausende in Tel Aviv versammeln und lautstark gegen die Besatzung und Brutalität demonstrieren, darunter Politiker und Professoren, Künstler und einfache Bürger. Auch keineswegs selbstverständlich in einer Kriegssituation, schon gar nicht in der Realität des Nahen Ostens, daß vom Armeeankläger beschuldigte Soldaten öffentlich verurteilt werden, daß der höchste Militär in den besetzten Gebieten, Generalmajor Amram Mitzna, sämtliche Offiziere in sein Hauptquartier bestellt, wo sie sich die Fernsehaufnahmen von den gnadenlos zuschlagenden Fallschirmjägern, einer israelischen Eliteeinheit, ansehen müssen. Heeresrichter und Heerespsychologen warnen freimütig in Zeitungen vor den Folgen solcher Exzesse für die jungen, meist unerfahrenen Soldaten. Militärkorrespondenten scheuen sich nicht, den ehedem stolzen „starken Arm“ Israels, die kriegserprobte, sieggewohnte Armee, als „sadistischen Arm“ zu bezeichnen. Der Generalstaatsanwalt schreibt dem Verteidigungsminister einen geharnischten Protestbrief, der am nächsten Tag in allen Zeitungen abgedruckt wird. Die „eiserne Faust“ Rabins zittert bereits.