Von Barry Graves

Er ist „der schlechteste Sänger des Jahres“, mit dem „schlimmsten Album“, der „scheußlichsten Plattenhülle“ und den „furchtbarsten Videos“, der „am geschmacklosesten gekleidete Rockstar“, dem 1987 das „am wenigsten willkommene Comeback“ widerfahren ist. So urteilten Leser der Musik-Illustrierten „Rolling Stone“ in ihrer alljährlichen Abstimmung über Michael Jackson und die Promotion-Effekte für seine Langspielplatte „Bad“.

Die 226 Musikjournalisten, die die Wochenzeitung „Village Voice“ vor kurzem zu Richtern über das abgelaufene Pop- und Jazz-Jahr bestellte, reagierten vornehmer auf die Konfrontation mit dem Jackson-CEuvre – sie erwähnten es gar nicht erst. Dafür setzten 115 von ihnen in der Tabelle der besten Alben des Jahres den Jackson-Antipoden Prince und sein „Sign ’O’ the Times“ auf den ersten Platz.

Auf der Suche nach dem „widerwärtigsten Video-Clip aller Zeiten“ wurde zur gleichen Zeit die New York Times überraschend schnell fündig: Michael Jacksons „Man in the Mirror“, eine Montage aus Elendsbildern der Dritten und Vierten Welt, verschnitten mit Nachrichtenmaterial von Bischof Tutu, Mutter Teresa, Martin Luther King und Ghandi bis zu John Kennedy, Lech Walesa und John Lennon. Hunger-Schick und Terror-Glamour als Verkaufshilfen haben sich ausgezahlt: „Man in the Mirror“, die vierte Single aus „Bad“, erreichte wie ihr Vorgänger-Titel mühelos den ersten Platz der US-Charts.

Das neue Jackson-Album hat sich bislang zwölf Millionen Mal verkauft (bundesdeutscher Umsatz: 900 000 Stück), und dennoch geht das böse Wort vom „relativen Flop“ um (zum Vergleich: „Thriller“ von 1982 erreichte eine Weltauflage von 45 Millionen Exemplaren und fand in Deutschland 1,2 Millionen Abnehmer). Michael Jackson wird erbarmungslos am absurd hohen Maßstab gemessen, mit dem seine Dauer-Propagandisten ihn von den gewöhnlichen Sterblichen der Rockindustrie abgrenzen wollen.

Die Klatschgeschichten über den einsiedlerischen Ultrastar bedienen sich inzwischen jeder grotesken Unterstellung und schrecken auch vor alptraumhaften Spekulationen nicht zurück. So soll Michael, wenn einer töricht genug ist, abgestandene „Bild“-Storys zu glauben, in Wahrheit seine Schwester La Toya sein – als käme eine Künstlerfamilie, die seit mehr als zwanzig Jahren in der internationalen Öffentlichkeit agiert, mit einem derartig überdrehten Hosenrollen-Spiel durch. Neben einem Zoo mit exotischen Tieren, einem Zimmer voller Schaufensterpuppen und einer Privat-Geisterbahn soll sich Jackson inzwischen auf seinem Grundstück in Encino, Kalifornien, einen Schrein für die angebetete Schauspielerin Elizabeth Taylor zugelegt haben. Angeblich bleibt ihm nur diese Ersatz-Kulthandlung, weil die Diva seinen Heiratsantrag abgelehnt habe.

„Ich weine sehr oft, denn das alles tut so weh“, klagte „Whacko Jacko“ („Macken-Michael“, wie ihn die britische Boulevardpresse schimpft) ausgerechnet in einem Brief an die Klatsch-Zeitschrift „People“. „Habt doch Mitleid, denn ich blute schon seit langer Zeit.“ Wenn die Meute aber erst einmal Blut geleckt hat, bleibt sie auf der Fährte. Michael Jackson scheint zum Abschluß freigegeben für übersättigte Musikjournalisten und ein sensationslüsternes Konsumentenpublikum. „Ich stelle mir den Durchschnittsmenschen immer vor als jemanden, der auf mich zustürzt und versucht, mir die Kleider zu zerreißen“, behauptet der 29jährige Sänger, der stets Star war, nie eine Kindheit hatte und seine Pubertät nun durch kosmetische Korrekturen oder Qucksalber-Kuren ins Unendliche verlängern möchte.