Harmonie und Hierarchie: Das Glas leeren
Das chinesische Bankett – ist es Kunst, Sport, Ritual oder Arbeit?
Von Jürgen Bertram
Wie gut, daß unser Musiklehrer in Goslar am Harz ein durch und durch konservativer Main war. Neumodischen Kram wie Jazz oder Beat verschmähend, hat er uns deutsches Liedgut eingetrichtert: „Am Brunnen vor dem Tore“ und „Annchen von Tharau“ oder „Sah ein Knab’ ein Röslein steh’n“; Knab gesungen wie Knaaahab und Röslein wie Röööslein.
Ausgestattet mit diesem Repertoire und, ebenso wichtig, einem gesunden Magen wie einer soliden Trinkfestigkeit, kann ich gelassen jener regelmäßig wiederkehrenden Prüfung entgegensehen, die so manchen Statthalter westlicher Unternehmen in Peking verzweifeln läßt: dem chinesischen Bankett.
Das Bankett, das, wenn ihm Vollendung beschieden ist, mit Gesangsvorträgen der Teilnehmer ausklingt, gehört zu den festen Ritualen der chinesischen Gesellschaft und wirkt als soziales Elixier in den Beziehungen zwischen kommunistischen Kadern und ihren ausländischen Partnern. Der nach der Öffnung Chinas einsetzende Boom an internationalen Kontakten hat zu einer derartigen Inflation von Banketts geführt, daß sich eine Regierungskommission – womöglich bei einem Bankett – mit den Kosten dieser Eß- und Trinkgelage beschäftigte und die Kader zur Mäßigung mahnte.
Ein Bankett wird, um konkrete Beispiele zu nennen, gegeben, wenn die in China bereits heimischen Repräsentanten des niederrheinischen Gemeinwesens Duisburg mal wieder in der Schwesterstadt Wuhan am Yangtze aufkreuzen oder wenn der Hamburger Theaterintendant Jürgen Flimm auf einer Pekinger Bühne Büchners „Woyzeck“ geprobt hat. Eines Banketts würdig sind aber auch Ereignisse wie das Eintreffen friesischer Kühe auf einem Bauernhof in der Provinz Anhui oder der Auftritt der „Denkendorfer Blasmusik“ in Tsingdao am Gelben Meer.
Als Korrespondent des ARD-Fernsehens in Peking habe ich in dreieinhalb Dienstjahren an – vorsichtig gerechnet – etwa 250 Banketts teilgenommen. Die meisten wurden in der Provinz zelebriert, wo sich unseren Gastgebern als Minimum zwei Anlässe für Einladungen anbieten: der Beginn der Dreharbeiten und das Ende der Dreharbeiten. Da zu jedem Bankett ein Gegenbankett gehört, kann man selbst bei einem zweitägigen Trip für die Tagesschau auf vier Banketts kommen, jeden Tag ein Bankett am Mittag und jeden Tag ein Bankett am Abend.
Wie alle Rituale ist auch das chinesische Bankett präzisen – man kann sagen: liturgischen – Regeln unterworfen, die zu mißachten das erhabene Ziel dieser von konfuzianischer Denkweise geprägten Veranstaltung gefährdet: die Harmonie. Und wie man im Kaiserpalast zu Peking erst einmal profane Räumlichkeiten durchschreiten muß, bevor man die „Halle der höchsten Harmonie“ erreicht, so setzt man sich auch beim chinesischen Bankett nicht sogleich im Restaurant an die Tafel, sondern antichambriert, um sich einzustimmen, zunächst gemeinsam beim Tee in einem Nebenraum, dem Vorzimmer zur höchsten Harmonie gewissermaßen.



