Das Reich der Freiheit liegt nicht im Hier und Jetzt. Es liegt fern in der Südsee, wo goldfarbene Menschen in unschuldiger Nacktheit ein Leben voller Liebe und Lust führen, ungezähmt von den Zwängen der westlichen Welt. Es liegt fern im Mittelalter, als unsere Vorfahren noch frei waren von modernem Leistungsdruck und ihre körperlichen Bedürfnisse unverblümt in die Tat umsetzen durften.

Immerzu suchen wir das Paradies, und immer ist es anderswo. Paul Gauguin hat die Tahitianer als rätselhafte Gotteskinder gemalt, Margaret Mead hat die Bewohner von Samoa Mitte der zwanziger Jahre als friedfertige und freudvolle Wesen erlebt und geschildert. In jedem Paradies lauert die Schlange des Zweifels. Der Ethnologe Derek Freeman hat nach jahrelanger Beweisaufnahme 1983 eine Widerlegung veröffentlicht. Er wollte zeigen: Margaret Mead hat uns getäuscht, die Bewohner von Samoa sind genauso verderbt wie wir.

Und nun die Badestuben des Mittelalters! Hatten wir nicht immer glauben dürfen, sie seien Stätten wonnevoller Körperpflege und umstandsloser Vereinigung gewesen? Ach nein, es waren ordinäre Bordelle. Denn normalerweise badete man nach Geschlechtern getrennt, und wer sich beim gemischten Baden erwischen ließ, wurde hart bestraft. Mit solchen Entmythologisierungen

raubt uns der Kulturhistoriker und Ethnologe Hans Peter Duerr (in seinem neuen Buch „Nacktheit und Scham“, Suhrkamp) manch schöne Illusion.

Aber hatten wir nicht immer gehört, daß, wenn schon nicht in den Badestuben, so doch in den Betten derbe Träume realisiert wurden? Bekanntlich wiesen die Gastwirte ihre Gäste in der Reihenfolge des Eintreffens in die mehrschläfrigen Betten, so daß fremde Männer und Frauen einander näher kamen. Wir wissen auch, daß der Vollzug einer Hochzeitsnacht von Zeugen und Anverwandten begleitend beobachtet wurde.

Weit gefehlt, ruft uns Hans Peter Duerr zu, es war alles ganz anders!, und rastlos schleppt er Zeugnis auf Zeugnis herbei, Beleg um Beleg, so daß kein Zweifel zu bleiben scheint: Der Mensch im Mittelalter war schamhafter und scheuer als wir in unserer postmodernen Permissivität. Aber, so fragen wir leicht verschüchtert, waren nicht die alten Griechen meist nackt? Haben nicht die Römer mit ihren Knaben einerseits, mit ihren Kurtisanen andererseits? Und war nicht im alten Rußland manches los?

Duerr kennt keine Gnade. Nein, es war nichts los, keinesfalls mehr als heute. Und die Wilden, die Naturvölker? Duerr zeigt: Daß sie nackt herumlaufen, keine Schlafzimmer besitzen, bedeutet keineswegs, daß ihnen Sitte und Scham ferne wären. Im Gegenteil: Die unsichtbaren Schamschranken, die Kontrolle der Blicke und Beziehungen, das alles ist ausgeprägter als bei uns, die wir am Strand von Travemünde den Blick auf dem Busen der Nachbarin getrost ruhen lassen können.