Von Klaus Herding

Hamburg

Der Aktenberg wächst unaufhörlich. Weitere Gebirge aufzutürmen, setzt andere einzuebnen voraus. Eine scheinbar zwingende Logik. „Feinkassation“ nennt man das, seit 1984 geplant, seit 1987 unnachsichtig ausgeführt an den Hamburger Bauprüfakten. Eine Vernichtungsaktion mit einem Aufwand an Personal und Material, den sich Hamburg nur leisten kann, weil die Bundesanstalt für Arbeit der Hansestadt zusätzliche Arbeitskräfte spendiert. Für die Halbierung der Geschichte gelten keine Sparmaßnahmen.

Baugenehmigungen, Abnahmen und Pläne bleiben erhalten; alles andere darf verschwinden. Was Bauhistoriker und Denkmalschützer dazu sagen, schert den Senat wenig. Im Rundschreiben einer Hamburger Bezirksverwaltung wird resümiert: „Unter Beachtung evtl. entgegenstehender Vorschriften kann jede Behörde über ihr Eigentum frei verfügen und damit auch die Entscheidung über die Vernichtung treffen.“

Zu einem Zeitpunkt, da allerorts Alltags- und Stadtteilgeschichte erforscht, allenthalben Museen der Arbeit und Industriegeschichte errichtet werden, gehen die Hamburger hin und stecken die Hälfte ihrer Baugeschichte in den Reißwolf. Die Restakten werden verfilmt, die Originale anschließend ebenfalls vernichtet. Dies soll auf lange Sicht preiswerter sein als die Lagerung der Akten selbst. Aber in dieser Rechnung ist die jahrelange, kostspielige Aktendurchsicht ebensowenig enthalten wie die Selektion und Beseitigung selbst. Sichtung, Ausdünnung, Vernichtung und Verfilmung kosten jetzt bereits mehr, als wenn man die Akten ungeschoren ließe und dafür Archivraum anmietete.

Die Mitarbeiter in den Bezirksämtern haben keinerlei Ausbildung für die komplizierte Sichtung solcher Akten. So erfolgt die Selektion oft nachweislich auf der Grundlage bloßen Augenscheins. Ausgemerzt werden Angaben über die Arisierung jüdischer Betriebe, Firmenbriefköpfe mit graphischen Darstellungen längst untergegangener Industriebezirke, Entwürfe und Pläne nicht ausgeführter Bauten, Einrichtungsprospekte, Korrespondenzen zwischen Bauherren und Architekten. Alles fällt der Vernichtung anheim, gerade dann, wenn die Substanz nicht mehr erhalten ist und die Bauprüfakten den letzten Beleg darstellen.

Drei Beispiele aus der Fabrikgeschichte: 1847 wurde die Färberei Karstadt als eine der frühesten Fabrikansiedlungen im Industriegebiet Billbrook gegründet. 1897 war sie unter dem Inhaber Porges die zweitgrößte Färberei Deutschlands. Die Gebäudeanlagen sind bis auf geringe Reste zerstört. Keine einzige Bauzeichnung ist erhalten. Alles, was wir haben, ist eine – höchst präzise – Gravur auf dem Briefkopf eines Schreibens von 1904. Das Dokument ist zur Vernichtung freigegeben. Oder die 1888 gegründete Brauerei Bahrenfeld in Altona, die 1910 in Friesen-Brauerei umbeannt wurde. Obgleich sie von den namhaften Architekten Puttfarken und Janda errichtet wurde, sind keine Bauzeichnungen überliefert. Die einzige Auskunft über die städtebauliche Situation (mit vollständigem Überblick über die Fabrikgebäude) gibt wiederum der mit Fabrikvignette versehene Briefkopf eines Schreibens aus dem Jahre 1895. Die Senatskriterien geben ihn der Vernichtung preis. Gleiches gilt für die Ottenser Maschinenfabrik Ahrens. Ein typischer Betrieb der Werftzulieferindustrie. Hamburg feiert zwar demnächst mit großem Gepränge den 800. Hafengeburtstag, demonstriert aber gleichzeitig die denkbar größte Verachtung für die Geschichte dieses Hafens und der ihm zugeordneten Industriebetriebe.

Bald wird man über diese Firmen nichts mehr erfahren können, nichts über ihre Bauten, nichts über Arbeiter und Unternehmer, nichts über die Produktionsprozesse, die dort abliefen. Alles, was lebendig ist, das Innenleben der Geschichte, wird begraben. Arbeiten zur Industriegeschichte werden unmöglich gemacht. Während an der Universität die erste umfassende Arbeit über die Hamburger Fabrikgeschichte entsteht, vernichtet der Senat die dort zusammengetragenen Quellen. Dies kann, ganz nebenbei, unmittelbare Folgen für die Anwohner haben: Welches Gas am benachbarten Billbrookdeich vor Jahresfrist austrat, was dort seit 100 Jahren produziert wurde und in den Boden sickern durfte, dergleichen ist künftig nicht mehr festzustellen.

Der Autor dieses Beitrags ist Professor an der Universität Hamburg im Fachbereich Kulturgeschichte und Kulturkunde