Die rätselhafte Krankheit entwickelt sich schleichend, äußert sich zunächst in Lethargie, dann in starken Gelbsuchtsymptomen, führt schließlich zu schweren Leberschäden und endet bisweilen sogar tödlich. Bundesgesundheitsamt und Deutsches Ärzteblatt riefen Mitte März alle Mediziner auf, ähnliche Fälle zu melden. Bislang sind acht Opfer bekanntgeworden. Es handelt sich ausschließlich um Säuglinge, die jünger als ein Jahr waren und nicht gestillt wurden. Sie lebten in Haushalten, deren Trinkwasser aus eigenen Brunnen stammte, durch Kupferrohre geleitet wurde und einen relativ hohen Säuregehalt aufwies. Alle litten unter einer Leberzirrhose – sehr wahrscheinlich die Folge einer Vergiftung durch den hohen Kupfergehalt im Trinkwasser. Fünf der Kinder starben, drei trugen schwere Leberschäden davon, von denen die Mediziner noch nicht wissen, ob sie wieder abheilen.

Eine Analyse des Trinkwassers der betroffenen Familien durch Toxikologen der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) ergab Kupferkonzentrationen von maximal 14 Milligramm pro Liter bei pH-Werten (Säuregehalten) zwischen 6 und 6,3. Demnach entsprach das verwendete Wasser nicht der Trinkwasserverordnung, die pH-Werte von mehr als 6,5 vorschreibt. Zudem ist die Installation von Kupferrohren bei pH-Werten unter 7 nach Deutscher Industrie-Norm nicht zulässig. Quelle des Kupfers sind die Leitungsrohre, da das Metall im Brunnenwasser selbst nur in winzigen Spuren gefunden wurde.

Suche nach dem Faktor X

Kupfer galt bislang als „ausgesprochen gut verträglich“, wie Ulrich Hässelbarth vom Bundesgesundheitsamt in Berlin erläutert – so verträglich, daß es in der Trinkwasserverordnung keinen Grenzwert für das Metall gibt. Säuglinge unter einem Jahr reagieren offenbar erheblich empfindlicher auf erhöhte Kupferkonzentrationen als ältere Kinder und Erwachsene. Warum sich die Leberschäden in den beobachteten Fällen letztlich entwickelten, ist allerdings noch nicht geklärt. Rudolf Eife von der Universitätskinderklinik München hält die relativ große Menge an Flüssigkeit, die ein Säugling im ersten halben Jahr mit der zubereiteten Milch zu sich nimmt, für einen entscheidenden Faktor. Um, auf das Körpergewicht bezogen, die gleiche Menge Wasser aufzunehmen wie ein Säugling, müßte ein Erwachsener täglich zwölf Liter trinken. Hinzu komme, daß Kupfer im Darm verstärkt aufgenommen wird, wenn es zusammen mit Milch in den Verdauungstrakt gelangt. Möglich ist auch, daß bestimmte Enzyme bei Säuglingen noch nicht oder unvollkommen arbeiten, so daß die frühkindliche Leber nicht mit einem Kupferüberschuß fertig wird, wie Peter Schramel von der GSF vermutet.

Hinzu kommen dürften noch weitere Ursachen. Das könnten Veranlagungen sein, die die Säuglinge besonders empfindlich für Kupfer machen, andere belastende Stoffe im Wasser (so wurden in den untersuchten Wasserproben auch hohe Nitrat- und Salzgehalte gefunden), oder eine Kupferbelastung des Fötus schon im Mutterleib – kein Mensch weiß das bislang. Auch Ulrich Hässelbarth ist sich sicher, daß bei den Vergiftungen noch irgendeine bisher unbekannte Komponente hinzukommen dürfte, da man sonst in Schweden ähnliche Fälle hätte finden müssen. Dort sind Kupferleitungen schon länger in Gebrauch, und das Wasser ist saurer als bei uns.

Bei sämtlichen bisher bekanntgewordenen Fällen trafen die Faktoren hauseigener Brunnen in kalkarmer Gegend, saures Wasser, Kupferrohre und nichtgestillte Säuglinge zusammen. Trinkwasser der Wasserwerke galt bisher als unbedenklich. Jüngst wurde die Öffentlichkeit allerdings durch die Meldung des Erlanger Gesundheitsamtes aufgeschreckt, daß auch bei Wasser aus öffentlichen Netzen erhöhte Kupferwerte auftreten könnten. Gemessen wurden bis zu zwei Milligramm Kupfer pro Liter. Nach Auskunft von Ulrich Hässelbarth können in nueinstallierten Kupferrohren Konzentrationen von drei bis fünf, nach einem Jahr 0,4 bis 1 Milligramm pro Liter auftreten bei nicht saurem Wasser, also pH-Werten von 7 und mehr. Bei geringeren pH-Werten könne die Kupfermenge sogar noch erheblich größer sein.

Erkrankung oft unerkannt