Am 23. Juli um 18 Uhr 1 beginnt das neue Fußballzeitalter: Hallo, da sind wir
Am 23. Juli um 18.01 Uhr wird ein dumpfes Grollen die Bundesrepublik erfassen. Zu diesem Zeitpunkt tritt Hans-Joachim Rauschenbach vor rund zehn Millionen Fernsehzuschauer und sagt, gefaßt aber sichtlich bewegt: „Ein neues Zeitalter hat begonnen. Der Ball rollt wieder, aber ab heute in eine ganz andere Richtung.“ Der Sportmoderator, einer der wenigen, die der ARD geblieben sind, erinnert sodann kurz an jenen apokalyptischen 25. Mai, an dem der Deutsche Fußball-Bund und die Bertelsmann-Tochter UFA „das Eigentor schössen, das ab heute alle Fußballfreunde ausbaden müssen“.
Vom ersten Spieltag der neuen Bundesligasaison könne man, und das auch erst von 18.30 Uhr an, nur die Paarungen FC St. Pauli – VfL Bochum, Bayer Uerdingen – Stuttgarter Kickers, Hannover 96 – 1. FC Kaiserslautern zeigen, wird Rauschenbach mit zerknirschtem Bedauern ankündigen, da die UFA die vier Spitzenspiele dem Privatsender RTL plus zugeschoben habe und die anderen zwei Spiele dem ZDF und SAT 1.
Daraufhin werden Millionen Deutsche zu RTL plus umschalten und feststellen, daß sie das nicht können. Das Grollen schwillt an in den Wohnzimmern der Republik, dringt durch die geöffneten Fenster hinaus und macht sich Luft im Urschrei des neuen Zeitalters.
Was das Neue am neuen Zeitalter sein soll, weiß um diese Uhrzeit noch keiner so recht. Fest steht nur, daß zum ersten Mal seit 25 Jahren an einem Samstag um 18 Uhr keine Bundesliga-Berichte zu sehen sind, das Menschenrecht auf Fußball also mit Füßen getreten wurde, wie es Hans-Joachim Rauschenbach so schön griffig ausdrückt. Der Fußball sei vorrangig zu einer Frage des Geldes verkommen, hatten ARD und ZDF schon am 25. Mai bedauert, eine Klage, die 25 Jahre zu spät gekommen war.
Um 19.03 Uhr, nachdem der computeranimierte Vorspann der neuen „Adidas-RTL-Sport-Show“ verklungen ist – ein Fußball zischt aus dem Weltall auf die Sonne zu, durchbohrt sie, umkreist die Erde, überfliegt Europa, die Bundesrepublik und schlägt im Tor des Köln-Müngersdorfer Stadions ein –, begrüßt Jörg Wontorra, einer der vielen ehemals öffentlich-rechtlichen Sportmoderatoren, die nun privat bedienen, die kleine RTL-Gemeinde mit einem fröhlichen: „Hallo, da sind wir! Fußball total! Fußball für alle! Ein neues Zeitalter hat begonnen. Viel Spaß in den nächsten 180 Minuten!“
Aller Anfang sei schwer, erklärt er, und da einige der von RTL in den vergangenen zwei Monaten rekrutierten Kamerateams „verständlicherweise“ noch mit Startschwierigkeiten zu kämpfen hätten, folge gleich nach der Werbung (Mars, Coca-Cola, Biovital) nicht HSV – Werder Bremen, sondern der „Bundesligastammtisch“, gesponsert von Beck’s Bier, mit Manfred Lahnstein, Gerhard Mayer-Vorfelder, Walter Jens und Fritz Walter.
Das Zeitalter der neuen Medien sei angebrochen, proklamiert der Sozialdemokrat und Berteis-Mann zwischen zwei Zügen an seiner mafiosen Zigarre; der Markt habe das Monopol besiegt, verkündet der Christdemokrat und Fußballpräsident; das Monopol der Bürokratie sei durch das Monopol des Geldes geschlagen worden, analysiert der Professor; ob der HSV den SV Werder bezwungen habe, will der Ehrenspielführer wissen.



