Ausstellung in Essen: „Prag um 1600 – Kunst und Kultur am Hofe Rudolfs II.“Das Paradies des Melancholikers

von Petra Kipphoff

Im Reich der Krupps der Reichtum eines Kaisers

Von Petra Kipphoff

Züngelt da ein Flämmchen im Dunkel der Umarmung oder blitzt ein Dolch auf? Es ist viel banaler: ein Penis leuchtet. Wieso leuchtet er? Weil es kein menschliches Glied ist. Ein Gott hat sein Geschlechtswerkzeug ausgefahren: Pan umarmt Selene. Ein Putto schaut schamhaft in den eigenen Schoß, im Hintergrund tut sich auch so dies und das. Das Bild, entstanden um 1600, stammt von Hans von Aachen, einem der bedeutendsten Künstler am Hofe Rudolfs II. von Habsburg. Nach dem Tod des Auftraggebers wurde es von den leicht genierten Erben rasch verkauft. Die ewig alte Geschichte von Eros und Zensur. Und das ewig alte Mißverständnis. Ein Penis macht noch keinen Porno (nicht mal einen Mann).

Bei Lichte betrachtet hätten jene vom Protestantismus offensichtlich angekränkelten Erben nämlich den allergrößten Teil der Kunstsammlung ihres Bruders und Onkels verkaufen müssen. Denn was sich dort, sei es in kleiner Bronze oder auf großer Leinwand, entfaltet, ist ein einziger Garten der Lüste. Natürlich wird diese Lust nicht bei ihrem eigenen Namen genannt, denn seit der Vertreibung aus dem Paradies und seit der Geburt des Bewußtseins aus dem Schlaf der Unschuld wurde sie zur Sünde. Also träumt sich der aufgeklärte Humanist zurück in das zwar von den normalen menschlichen Rankünen und Leidenschaften belebte, aber moralisch wunderbar wertfreie Reich der Mythologie. Und hier darf ungestraft gekost, geraubt, entführt, verführt, geliebt, umarmt, entjungfert, betrogen werden. Mars und Venus, Venus und Adonis, Merkur und Psyche, Venus und Bacchus, Herkules und Omphale sowie Heerscharen namenloser Nymphen und Satyrn: Beim endlosen Spiel der Geschlechter dominiert hier, im Freiraum des Mythos, die Lust an Verführung und Verführtwerden, der Spaß an der Lust. Selten zwar, doch kühn genug, wagt diese sich sogar auf christliches Territorium – mit dem Erfolg, daß das „Jüngste Gericht“ (von Joseph Heintz d.Ä.) in einigen Szenen auch als türkisches Bad gelten könnte und „Adam und Eva unterm Baum der Erkenntnis“ (auf der Zeichnung von Daniel Fröschl) so versunken sind ineinander, daß der Gedanke an die „tristitia post“ wirklich keine Chance hat.

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Auf den Bildern von Hans von Aachen, Bartholomäus Spranger und Joseph Heintz werden diese Szenarios zwar in einiger Eleganz und Doppeldeutigkeit präsentiert, gelangen aber letztlich nur selten über den mythologischen Mummenschanz hinaus. In der dritten Dimension der Plastik ist das sehr anders. Zwar waren am Hof von Prag weder ein Michelangelo noch ein Donatello tätig, aber von Giovanni Bologna, den schon Rudolfs Vater Maximilian II. von Florenz an den Habsburger Hof zu locken suchte, kam eine Anzahl von Bronzeskulpturen und Reliefs in kaiserlichen Besitz. Und mit Adrian de Vries beschäftigte Rudolf einen der wichtigsten nordeuropäischen Bronzeplastiker. Der Eingangsraum der Essener Ausstellung, in dem um eine großformatige Bildnisbüste Rudolfs mit dem „Stehenden Herkules“, dem „Heiligen Sebastian“ und „Christus im Elend“ drei weitere große Skulpturen von de Vries versammelt sind, macht diese zentrale Stellung deutlich. Daß die Skulpturen, auch die Kleinformate, von Giovanni Bologna, dem Meister der manieristischen „figura serpentinata“, eine ungleich größere Sinnlichkeit ausstrahlen, ist allerdings ebenso sichtbar. Während bei de Vries der die Psyche davontragende Merkur nur eine seltene Hebefigur zustande bringt und der Heilige Sebastian kaum mehr als ein träger Narziß ist, verwandelt sich die turbulente Dreiergruppe von Bolognas „Raub der Sabinerin“ in eine einzige dramatische Aufwärtsbewegung, und sein „Merkur“ bedarf kaum der koketten Flügel an den Fersen, um sogleich, der Blickrichtung der Augen folgend, die Erde unter sich zu lassen.

Für Rudolf II., der den Regierungssitz der Habsburger von Wien nach Prag verlegte, um sich dort in der Burg von der Außenwelt abzukapseln, der sein unregiertes Reich zerstritten und bereit für die Katastrophe des dreißigjährigen Glaubenskrieges hinterließ und dem sein Beichtvater „Melancholie, die im Laufe einer langen Zeit allzu tiefe Wurzeln geschlagen hat“, attestierte, für ihn bat die Nachwelt immer ein großes Interesse gehabt. Der Erotomane, der Angst hatte vor der Ehe, der von seinem Gottesgnadentum überzeugte Kaiser, der mit der Macht nicht umzugehen wußte, der obsessive Sammler, der sich mit seiner Kunst- und Wunderkammer ein Ersatzreich und mit Wissenschaftlern wie Tycho Brahe, Taddeus Hajek und Johann Kepler einen alternativen Hofstaat schuf: er hat die Nachwelt natürlich immer mehr interessiert als irgendein rechtschaffener Leopold ocer Josef. In Grillparzers „Bruderzwist in Habsburg“ können wir ihn sogar leibhaftig erleben: „Zwei Trabanten treten aus der Seitentüre rechts..., dann einige Pagen, zuletzt der Kaiser, auf einen Krückenstab gestützt. Zwei Männer, Gemälde haltend, knien auf seinem Wege. Er bleibt vor dem ersten stehen, betrachtet es, zeigt dann mit dem Stocke danach hin und bezeichnet an seinem eigenen linken Arme die Stelle, wo das Bild ihm verzeichnet erscheint. Er schüttelt den Kopf, das Bild wird weggebracht. Er steht vor dem zweiten und gibt Zeichen der Billigung.“

Der Kaiser, der die Künstler und ihre Werke eifersüchtig hütete, ist von diesen mit Ehrerbietung und auch Sympathie, aber offensichtlich ohne Idealisierungszwang dargestellt worden. Tritt er in van Ravesteyns „Allegorie auf die Regierung Rudolfs II.“ noch eher plump bedeutungsvoll im Kreise allegorisch entschärfter Schönheiten auf, und verleiht ihm die reine Materialität der Bronzebüste mit dem Harnisch von Adrian de Vries ganz von selbst ein fast heroisches Aussehen, so zeigt das gemalte Portrait von Hans von Aachen zwar erkennbar dieselbe Person, aber ein anderes Temperament, einen nicht eben ansehnlichen, wohl introvertierten Menschen, dem die spanische Hoftracht die Rolle zuweist. Wenn Arcimboldo den Kaiser als „Vertumnus“ in seinem Jahreszeitenzyklus darstellt, seinen Kopf aus Ähren, Kirschen, Pfirsich, Birne und Melone zusammensetzt, so ist dieses Ernte-Portrait eine heitere und tiefsinnige Huldigung, die jede andere Glorifizierung übersteigt.

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