Ich will, daß das Stück lebendig ist
Auch wenn sie nicht lacht, sieht ihr Gesicht eher nach zwanzig aus. Im Sommer wird sie 32. „Ja, hm, ich gelte immer noch als jung aussehend. Ich würde auch gerne ewig jung bleiben, und ich würde gerne nicht sterben müssen. Aber ich denke, alt werden ist sogar was Schönes. Daß sich alles verändert und vergeht, das ist ja auch etwas, das ein Leben reich macht. Meine Position als Schauspielerin dazu, die sagt, was passiert mit mir kleinem Knopf, wenn ich vierzig bin, also das ist problematisch. Ich bin klein. Ich hab'n mädchenhaftes Aussehen. Ich hab' überhaupt keine Lust, später mal ein skurriles älteres Mädchen zu spielen. Ich möchte mal große Frauenrollen spielen. Natürlich haben Sie recht, Brechts Mutter Courage war auch klein, aber dann muß man auch so dick sein wie die Giehse."
Für einen Moment versenkt sie sich in den Anblick der Rillen auf der Tischplatte. „Da muß ich wohl noch ein paar Knödel essen", sagt sie vergnügt.
Wenn man sie lange ansieht, scheint einem plötzlich Schnitzlers „Fräulein Else" gegenüber zu sitzen, über die in dieser Saison in Hamburg so viel gesprochen wurde. Es könnte aber auch Ljudmilla aus Isaak Babels Stück „Marija" sein, und immer wieder ist es Sophie Scholl. „Was von einem selbst in eine Rolle eingeht", sagt sie, „das weiß man ja nicht so genau. Vielleicht ist das überhaupt das Geheimnis." Natürlich ertappe man sich in allen möglichen Situationen dabei, daß man gerade eine Rolle spielt. Schließlich geht das nicht nur Schauspielern so. „Wenn ich mit dem Bus fahre und nur dasitze und lese, oder ich fahre mit dem Rad übers Feld, dann denke ich immer, daß kein Mensch auf die Idee kommt, mich für 'ne Schauspielerin zu halten; das ist schön."
Nach dem letzten Drehtag der Sophie- Scholl-Filme ist sie sofort wieder zum Theater gegangen. Sie hatte unbedingt etwas tun müssen, das es ihr erlaubte, nach der Vorstellung wieder aus der Rolle herauszugehen. Die Beschäftigung mit Sophie Scholl war eine totale Erfahrung. Sie» sagt: „Meine größte Angst ist immer, daß sich durch diesen Beruf die Persönlichkeit auflöst und daß am Ende von einem selbst nichts mehr übrig bleibt." Das hat sie an anderen schon erlebt.
Die Rolle der Sophie Scholl in den beiden 1982 gedrehten Filmen „Die weiße Rose" von Michael Verhoeven und „Fünf letzte Tage" hatte ihr 1983 den Bundesfilmpreis eingetragen. Auf einmal war sie sehr bekannt. Illustrierte wollten sie für Titelseiten. Das Mädchen, das Sophie Scholl ist, im Badeanzug. Ihre Meinung zum Zustand der Republik. „Ich fand das grauenvoll", sagt sie. „Der Gedanke, mir in Sophie Scholls Namen Gehör zu verschaffen, also da fang ich gleich an zu kotzen. Die Sophie Scholl, die stand so meilenweit über all dem, und ich fand es furchtbar für sie, daß das jetzt nur noch ein Filmstoff sein sollte, und man sagte, na ja, gut gespielt und eben auch nur ein Teil der deutschen Vergangenheit."
Das Telephon klingelt. Sie hockt sich mit der Zigarette neben den Apparat auf
- Datum 1.7.1988 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.07.1988 Nr. 27
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