Das Tier, das es nicht gibt, herausgegeben von Jochen Hörisch

Dem Nashorn ist jeder schon begegnet. Dem Einhorn auch? Es ist zu hoffen. Das Einhorn verkörpert die Keuschheit, die Unberührtheit. Mittelalterliche Darstellungen zeigen das Unicorn, wie es der Jungfrau in den Schoß springt, ihr den Kopf in den Schoß legt, wie die Jungfrau das wunderbare Wesen zärtlich streichelt. Darum weist das legendäre Tier zugleich auf das Gegenteil von Keuschheit, auf das Ziel und Ende jeglicher Jungfräulichkeit. So platt und eindeutig sagt es Jochen Hörisch an keiner Stelle des Essays, den er seiner literarischen Beleg-Sammlung zu diesem Paradoxon beigegeben hat: (Verlag Franz Greno, Nördlingen 1987; 250 S., 44,– DM). Eindeutiges über das Einhorn – eine condradictio in adjecto. In den zweitausend Jahren, in denen seine Existenz so unbezweifelbar war wie die anderer Glaubensartikel auch, sprang das Einhorn über die Altäre in die Apotheken. Der Glaube macht potent. Seit zweihundert Jahren ist das Fabeltier von der Wissenschaft als solches erkannt, doch nun haben es die Dichter und Maler umso liebevoller in Pflege genommen. Das Einhorn lebt. Nicht nur bei Martin Walser. Das weiße Einhorn dient der reinen Lust am Unbegreiflichen bis hin zur puren Pornographie. Es lacht mit rosenfarbenen Lippen: Versucht, mich zu vergessen; es wird euch nicht gelingen! Konrad Brenner

Yasunari Kawabata:

Schönheit und Trauer

„Die Zeit und das Wasser fließen nicht rückwärts“ – eine Binsenweisheit, eine freilich, die allzu oft vergessen wird. Nachzulesen ist sie in einem Buch, das von der Erinnerung handelt. Mehr als zwanzig Jahre sind vergangen, seitdem der Schriftsteller Toshio Oki seine Geliebte Otoko nicht mehr gesehen hat. Zum Jahreswechsel drängt es ihn nach Kyoto, um „das Neujahrsglockenläuten mitzuerleben“. Aber das ist nur ein Vorwand. In Kyoto will er Otoko wiedersehen. Die langen Ehejahre haben die Erinnerung an sie nicht verblassen lassen. Der 1972 gestorbene japanische Nobelpreisträger für Literatur (1968) Yasunari Kawabata wechselt in seinem Roman „Schönheit und Trauer“ (aus dem Japanischen von Heinz Haase; Hanser Verlag, München 1988; 254 S., 29,80 DM) zwischen Vergangenheit und Gegenwart und läßt keinen Zweifel daran, daß die Vergangenheit dem Schriftsteller Oki weit mehr bedeutet als die Gegenwart. Indem Kawabata die Erzählperspektive ändert, wird auch Otokos Sichtweise von der Vergangenheit mit dem Geliebten deutlich: Auch sie – obwohl inzwischen eine berühmte Malerin und mit einer jungen Schülerin in einer Liebesbeziehung verbunden – hat sich nicht wirklich von Oki gelöst. Keiko, ihre junge Freundin, möchte sie von diesen Fesseln befreien und darüber hinaus Otokos leidvolle Erfahrungen mit dem Geliebten rächen. Kawabata erzählt all dies in ruhigem Ton. Er beschränkt sich dabei nicht auf die Beschreibung der Psyche seiner Figuren, deren Sinnlichkeit und Leidenschaft, sondern läßt die Vielfalt der eigenen Interessen – Malerei, traditionelle japanische und europäische Literatur – in kurzen Abhandlungen oder in Dialogen aufscheinen. Seine Landschafts- und Stimmungsbeschreibungen sind plastisch und poetisch zugleich. Kawabata verbindet in „Schönheit und Trauer“, einem seiner letzten Romane, scharfen Intellekt mit poetischer Zartheit. Letztere bringt er in der dichten und doch so vielschichtigen Form des Haikus trefflich zum Ausdruck: „Wind, der vom Fluß weht,/lustwandeln in dünnem Kimono/an einem kühlen Sommerabend.“ Hier geht es nicht um Vergangenes, allein der Augenblick zählt. Anne Frederiksen

Spanische Reise

Vierzig Texte laden den Leser zu einer unterhaltsamen und informativen Reise ein, die mühelos im Sessel stattfinden kann. Spanien kommt in diesen Texten, Gedichten und Erzählungen ohne Klischees zu Wort, „Flamenco“ wird hier nicht mit der glutäugigen Carmen verbunden, sondern ist schlicht ein Spektakel für Touristen, und „jeden Abend kamen heulende Engländer heraus“. Wie unterschiedlich die vielen Regionen der Iberischen Halbinsel sind, verdeutlichen diese Texte. Während der Lektüre sei ein Jerez (Sherry) mit Manchego-Käse empfohlen, und dazu die Erläuterungen von Rafael Alberti und Francisco Garcia Pavön. Aber der Band „Spanische Reise“ ist tatsächlich auch ein „literarischer Führer durch das heutige Spanien“ (zusammengestellt von Ignácio Echevarria, Claudio Lopez de Lamadrid und Heinrich von Berenberg; Wagenbach Verlag, Berlin 1987; 188 S., 19,80 DM), er erweist sich als Schatzkästlein, in dem stets neue Kostbarkeiten und Überraschungen zum Vorschein kommen. Landschaften und Menschen, Gegen- und Miteinander („Lektion in rechter Liebe“ gefällig? Angel González gibt Auskunft), Madrid versus Barcelona. Auch die Touristen werden einbezogen, wie der wohlmeinende Rat für spärlichst bekleidete Touristen veranschaulicht, die das Frühstückscafe mit dem Strand verwechseln. Dabei kann das höchst gefährliche Folgen haben!