Bei der Durchsicht des Tourneeplans fielen dem Manager John Landau einige Lücken auf, und flugs buchte er noch ein paar Shows. Als er den Boss davon unterrichtete und Berlin erwähnte, fragte dieser nur: „Und was ist mit Ost-Berlin?“ Seit seinem Westberliner Konzert 1981 halte er im Hinterkopf, einmal für die Kids auf der anderen Seite zu spielen. Also mußte Landau noch mal los, das klarmachen. So einfach ist das heutzutage zwischen Ost und West.

Diese Story erzählt Landau auf dem Gelände der Radrennbahn Weißensee in Ost-Berlin, wo dieses außergewöhnliche Konzert nun stattfindet. Außergewöhnlich, weil es das größte Rockkonzert der DDR-Geschichte, aber auch das größte Konzert ist, das Bruce Springsteen, der Größte aus dem Rock-Country, je gegeben hat.

Da Springsteen zu den besten Pferden im Stall gehört, war die Plattenfirma nicht kleinlich, charterte einen Pressebus von der Westberliner City nach Weißensee, um den Journalisten aus aller Welt den Superstar des Westens im Osten vorzuführen. Die Kollegen aus den USA fühlen sich wie zu Hause: Zehntausende in weißen Tennisschuhen, Jeans, Sweatshirts von US-Footballteams strömen in die Arena, nur hier und da eine FDJ-Armbinde. Dazu viel Schminke, bunt gefärbte Haare oder rasierte Schädel. Sie kommen allein oder in ganzen Familien mit Kleinkind und Oma. Gut ausgerüstet sind sie auch, mit Decken, Schemeln und VEB-Leihverpack-Kisten zum draufstellen. Vor den Kontrollen gibt es einen gewaltigen Rückstau: alles wird kontrolliert, mit hochgehaltener Eintrittskarte geht es einzeln durch die Polizeireihen. Alkoholflaschen werden konfiziert, gehen zu Bruch. Ein stechend süßer Duft weht durch die Luft. Gequake aus den Lautsprechern, irgendwelche „Kader für Freude und Erholung“ werden gesucht, sollen ihre Karten abholen. Der Ansager mahnt zur Ruhe. Viele lassen sich draußen noch schnell vollaufen, um den Stoff wenigstens so mit reinzunehmen. Aber Angetrunkene kommen nicht durch, Wortfetzen von Abgeführten, es hilft nichts, sie müssen raus. Ein Stück neben der Kontrolle ist der Zaun nur 1,5 Meter hoch, Polizei nicht in unmittelbarer Nähe, aber keiner springt. Born to run?

Mit Baseballmütze und Sternenbanner stapft Olaf, ein Schlosser, durch den noch regennassen Sand. Die Fahne, so erklärt er stolz, habe er selbst gemacht, 50 Sterne im Kartoffeldruck. Seit „Born in the USA“, Springsteens Hymne, hier veröffentlicht wurde, ist Bruce „sein Held“.

Bruce Springsteen, der Sohn eines Busfahrers, spielte sich mit schönen Songs, simplem Rock und traurigen Texten über Einzelgänger, die an sich oder der Gesellschaft scheitern, bis an die Weltspitze. Obwohl es öfters versucht wurde, will er sich politisch nicht vereinnahmen lassen, auch nicht in Weißensee. Mitten im Konzert erklärt er: „Es ist schön, in Ost-Berlin zu sein. Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung, ich bin gekommen, um Rock’n Roll für euch zu spielen, in der Hoffnung, daß eines Tages alle Barrieren abgerissen werden!“ – auf deutsch, wohlgemerkt. Gewaltiger Applaus pflichtet ihm bei. Bis dahin plätscherte das Konzert vor sich hin, es ist so leise, daß weiter hinten sehr wenig zu hören ist. Zudem begann er mit älteren Songs, die hier keiner kennt. Und die Sonne, die jetzt zwischen den Wolken durchkommt, macht alles andere schöner und wichtiger: man picknickt, trifft Bekannte, steht nach Schokoladeneis an. Ein langes Saxophon-Solo vom Streichholz in Gelb, auch wenn man es kaum erkennen kann, das muß der Band-Hüne Clarence Clemons sein. Auf der Suche nach besserer Sicht schieben sich die Fans vergnügt dicht an dicht über den Platz. „Vorsicht, ein Schlammloch!“ lauten die Warnungen, meist zu spät.

Beifall für einen jugendlichen Helden, der auf ein Metallgerüst klettert, dort eine große Pappe mit der Aufschrift „Lauter!“ befestigt. Im zweiten Teil seines 36-Song-Konzerts wird Springsteen dann so heiß und laut, daß die Begeisterung bis ganz nach hinten brandet. Überall wird nun geklatscht, getanzt, auch auf Stühlen, Kisten, Müllcontainern, allem, was erkletterbar ist und bessere Sicht bietet. Bruce steht vorn auf der Bühne, haut mit seinen mächtigen Armen auf die kleine Gitarre, und genauso wuchtig kommt es vorne aus den Boxen. Hinter ihm die biedere aber solide E-Street-Band. Was ihn gut macht und die mindestens 160 000 Zuhörer in Weißensee so mitreißt, ist, neben seinem West-Bonus, der Nimbus des Aufrechten. Nur das Mitsingen klappt nicht so, weil die Sprachbarriere doch recht hoch ist. Seine Texte sind ja auch nicht so wichtig; was die meisten wollen, ist Partystimmung.

Wenn Hundertausend tanzen, erzeugt das auf dem dafür viel zu kleinen großen Platz einen Druck, der Hunderte kollabieren läßt. Das Rote Kreuz, das rundherum Stützpunkte errichtet hat, bleibt der Situation gerade noch Herr.