Von Heinz Josef Herbort

Fast ein Vierteljahrhundert ist es her, daß diese Zeitung es für angemessen hielt, über mehrere Wochen einen größeren Teil des Feuilleton-Raumes einer Diskussion zur Verfügung zu stellen darüber, ob „Wagner-Opern veränderten Verhältnissen angepaßt werden können, dürfen oder müssen“. Damals, 1964, war das Neu-Bayreuth der Wagner-Enkel Wieland und Wolfgang dreizehn Jahre alt und ebenso lange umstritten.

Damals, 1964, konstatierte Theodor W. Adorno bei Wagner einen „fast unwiderstehlichen, aber vergifteten Versuch, eine mythologische Jüngstvergangenheit des deutschen Volkes zu fingieren, an der es sich dann hat berauschen lassen“, überlegte er, ob nicht die „aktuelle Wagner-Interpretation-... zu Strichen sich entschließen soll“ – Frage nur wo, da bei Wagner „das Großartige nicht fein säuberlich vom Fragwürdigen sich trennt“ – und resümierte, forsch dekretierend: „Darum sind heute nur experimentelle Lösungen gerechtfertigt, wahr nur das, was die Wagner-Orthodoxie verletzt.“ Marcel Reich-Ranicki unterstellte den Enkeln, nicht weniger endgültig, sie versuchten die in Wagners Werken „enthaltenen extrem nationalistischen und eindeutig präfaschistischen Elemente zu verdrängen oder gar auszuklammern“ und entlarvte die „Entrümpelung“ als „Entromantisierung“ Wagners; erst der Mut, „Wagner zu inszenieren, ohne gegen ihn zu rebellieren“, könnte „bedeuten: die Geburt eines neuen Wagnerschen Theaters aus dem Geist seiner Musik“. Für Hans. Mayer indes war schon damals, 1964, die „Nachfolge der Wagnerianer und Anti-Wagnerianer zum Anachronismus“ geworden; denn ihm gilt nur eine Theaterkunst, die hilft, „das Werk von damals im Lichte seiner Zeit und seiner Erfahrungen (zu) erleben“, die „diese Erfahrungen mitvollzieht und mitinszeniert“. Und Joachim Kaiser fügte die Beobachtung hinzu: „Man muß also im Augenblick wohl für gegeben annehmen, daß eine Mischung aus Verdrängung, Unkenntnis, Affektscheu und Fremdheit vielen deutschen Intellektuellen Wagner ‚unerträglich‘ macht.“ Sein „Fazit sämtlicher Beiträge: Wagner lebt noch, aber man darf und muß manches verändern“.

Heute, zwei Dutzend Jahre später, scheint eine solche Diskussion obsolet geworden zu sein, überflüssig wie ein, Kropf, allenfalls ein Glasperlenspiel. Was an den Fragen substantiell war, hat die Theatergeschichte beantwortet – wir haben längst ganz andere Sorgen. Haben wir, hat das Musiktheater, hat die Wagner-Interpretation sie tatsächlich? Am kommenden Montag, nach dem neuen Bayreuther „Ring“ von Harry Kupfer (Regie), Hans Schavernoch (Bühnenbild) und Daniel Barenboim (musikalische Leitung) werden wir darüber vielleicht mehr wissen.

Damals auch reiste ein Kapellmeistereleve und Absolvent jener Musikwissenschaft, für deren historisch-systematisches Selbstverständnis die Musikgeschichte noch bei Brahms und Bruckner aufhörte und Wagner allenfalls bibliographisch interessierte unter „W., Der Fall“, zum ersten Mal in jenes Bayreuth, erhielt von den dortigen Herren des Grünen Hügels ein Passepartout für (fast) alle Türen des Hauses, saß mit geliehenen Partituren in den Orchesterproben eines Karl Böhm, beobachtete die allmähliche Verwandlung einer Leonie Rysanek und eines James King in „das bräutliche Geschwister“ Sieglinde/Siegmund auf der Probebühne eines Wieland Wagner – und erlebte dabei eine Art paulinisches Damaskus. Aus Verdrängung ward schnell Totalengagement, aus Unkenntnis langsames Mitwissen, aus Affektscheu Emphase, aus Fremdheit gewissermaßen subkutan ständige Präsenz. Seitdem gehörte es zum „Ankommen“, zum „Da-sein“, in Bayreuth zunächst einmal um das Festspielhaus herum zu fahren (der Brauch wurde übernommen von schon etwas länger gedienten feineren Herrschaften, die bei dieser Gelegenheit auch noch eine Flasche Schampus zu öffnen pflegten). Seit geraumer Zeit freilich ist dieser Brauch unterbunden: Die früher ringförmige Straße hat zur einen Seite Erweiterungsbauten für den „Dienstleistungsbereich“ Platz machen müssen.

Denn was Richard Wagner in allen seinen Plänen, Annoncen und Bittschriften als ein „Provisorium“ bezeichnete, was ein „nur auf künstlerische Zweckmäßigkeit des Inneren konzipiertes Theater“ hatte werden sollen, „eine mit dem dürftigsten Material ausgeführte äußere Umschalung“ – drinnen freilich die „Enthüllung ... einer idealen Traumwelt“, das „Vollendetste“ und „nichts mehr ... eben nur provisorisch“ – ist längst zu einem Großkomplex eines Kulturindustriebetriebes geworden mit einer dem Perfektionismus unserer Anspruchs-Gesellschaft angepaßten „Mehrzweckhallen“-Infrastruktur, die indes in ihrer „äußeren Umschalung“ immer noch der Idee des Provisorischen folgt („ ... so wird es dieses nur in dem gleichen Sinne sein, in welchem seit Jahrhunderten alle äußere Form des deutschen Wesens eine provisorische war. Dies aber ist das Wesen des deutschen Geistes, daß er von innen baut...“).

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