Legalisieren, resignieren oder was?
In den USA ist der Rauschgifthandel zum Problem Nummer eins geworden, aber niemand weiß es zu lösen
Die New York Times hatte sich auf einen merkwürdigen Superlativ festgelegt:
Beim illegalen Rauschgifthandel seien zwei Blocks in der 92 und 94. Straße auf Manhattans Upper West Side die „schlimmsten". Merkwürdig auch, weil in Manhattan jeder behauptet, „sein" Viertel sei das am härtesten betroffene „Bei mir", sagt etwa die kenntnisreiche freie Journalistin Gisela Freisingef, „geht es noch viel ärger zu als auf der Upper West Side Und tatsächlich:
Ein kleiner Spaziergang die First Avenue hinauf ergibt: acht Angebote für Marihuana, drei für Kokain, zwei für Crack „Smoke, von weitem zu „Sinsemilla, Sinsemilla", schreit eine Frau über die Straße, dieses besonders starke Marihuana anbietend „Pure white meint ist Crack, eine sehr schnell süchtig machende, billige Art von Kokain, — und zwar nach einigem Handeln zum Preis von 45 Dollar für das Gramm, also weit unter dem üblichen Preis von 80 Dollar. Marihuana, Kokain, Crack - schon der Besitz ist strafbar, aber die Händler feilschen so offen, als böten sie Südfrüchte auf einem Gemüsemarkt an.
Nur in New York? Nur in der Stadt, die keiner anderen amerikanischen gleicht? Keineswegs. Ein Reporterteam von U S. News & Kleinstadt in Illinois, die so typisch für die Vereinigten Staaten ist, daß viele Großkonzerne dort ihre neuen Produkte einem ersten Markttest unterwerfen. Ergebnis: Rauschgift ist auch in Peoria an jeder Ecke zu haben, in den Slums wie in den Villenvierteln am Illinoisfluß. Mit den Worten „Sag einfach nein zu Drogen" hatte Nancy Reagan im Juli 1984 die jüngste Kampagne gegen das Rauschgift eröffnet. Einen „nationalen Kreuzzug" versprach gar ihr Gatte, Präsident Ronald Reagan, im August 1986. Ziel: zigen Krümels von Haschisch sollte bestraft werden. Ergebnis: Bis zum Jahre 1988 ist der Drogenhandel zu einem der größten Wirtschaftszweige des Landes mit einem Umsatz von schätzungsweise 100 Milliarden Dollar jährlich gewachsen; Reagans Crusaders sind so kläglich gescheitert wie die christlichen Ritter im Jahre 1291 an der Bastion Akka in Palästina.
Eingedenk der 18 Millionen Amerikaner, die regelmäßig Marihuana rauchen, der sechs Millionen, die Kokain nehmen, und der halben Million Heroin Fixer, eingedenk der bald 4000 Drogentoten im Jahr urteilt Professor Philip Heymann von der gen das Rauschgift ist verloren "
Aber was tun? Den Kampf verschärfen, den größeren Teil des Handels und den Konsum stillschweigend dulden oder gar Drogen legalisieren? Fakt ist, daß sich der polizeiliche Aufwand einfach nicht mehr steigern läßt, während vor allem Kokain in der Form von Crack immer billiger und von immer besserer Qualität aus Südamerika eingeschmuggelt wird. Um die 90 000 Meilen Küste zu bewachen, leihen jetzt schon Marine, Armee und Luftwaffe der Polizei Schiffe, Hubschrauber und sogar die mit Elektronik vollgestopften Aufklärungsflugzeuge AWACS aus. Fakt ist auch, daß so viel Rauschgift nur umgesetzt werden kann, weil die Polizei notgedrungen beide Augen zudrückt. Zehn Bundesstaaten haben schon den Konsum von — nicht den Handel mit — Marihuana entkriminalisiert, einige sogar einen minimalen Handel erlaubt, wiewohl vor der Größe des Problems resignierend: In Kalifornien ist Marihuana die am meisten angebaute Nutzpflanze. Professor Heymann, der als möglicher Justizminister in einer Regierung Dukakis gehandelt wird, sieht nur einen Ausweg: „Es müßte mehr Geld für die Behandlung Süchtiger und für die Aufklärung ausgegeben werden Und das ist die große Debatte in den Vereinigten Staaten: Während die Demokraten sozusagen auf der Nachfrageseite ansetzen wollen, beharren Reagan und Vizepräsident Bush darauf, die Anbieter zu verfolgen.
Über das vermeintlich Unaussprechliche dagegen, die Legalisierung des Drogenhandels, wird nur leise und verklausuliert geredet. Auf einer Tagung des Bostoner Goethe Instituts mit dem deutsctien Bundeskriminalamt und der Harvard Law ren Politik deutlich. Crack und Heroin, hieß es dort, seien viel zu gefährlich, um frei verkauft zu werden. Bei einer Aufhebung ihres Verbots würden der Mißbrauch und die Abhängigkeit auf ein „katastrophales Niveau" ansteigen. Marihuana dagegen sei „offensichtlich eine schwächere Droge" — heißt, der einfache Gebrauch könnte geduldet werden.
- Datum 26.08.1988 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.8.1988 Nr. 35
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