„Der Jude ist die menschgewordene Lüge“ – kein anderer der Herren des Dritten Reiches hat fanatischer gegen das Judentum gehetzt als Joseph Goebbels. Woher kam dieser Haß? Claus-E. Barsch, Politologe an der Universität Duisburg, dessen Goebbels-Buch „Erlösung und Vernichtung“ für Diskussionen sorgte, zeigt anhand der Jugendschriften und frühen Tagebücher des späteren Propagandaministers, daß die Wurzeln dieses Hasses tiefer zurückreichen als bloß bis zu den grotesken Rassenlehren des 19. Jahrhunderts: zurück bis zu den Schriften des Neuen Testaments Goebbels und die Apokalypse

Die Offenbarung des Johannes als Quelle für eines der furchtbarsten Verbrechen der Geschichte?

Von Claus-E. Barsch

In der Diskussion der Historiker um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenverfolgung und -vernichtung ging es erstaunlicherweise nur sehr selten um die Zusammenhänge zwischen der nationalsozialistischen Ideologie und dem Antisemitismus. Welche Vorstellungen die Herren des Dritten Reiches vom Judentum hatten und woher diese Vorstellungen stammten, wurde und wird als bekannt vorausgesetzt. Doch sind diese Fragen und Zusammenhänge wirklich geklärt?

Nicht nur in den Massenmedien wird die NS-Ideologie immer wieder auf den Hitlerismus und den Rassismus und der Rassismus wiederum auf die Rassenbiologie reduziert. Daß diese Reduktion den Sachverhalt verzerrt, lassen schon die allerbekanntesten Parolen wie „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“, „Sieg-Heil“ und „Heil Hitler“ erkennen: Hier kommt religiöses Gedankengut ins Spiel, hier verknüpft sich ein moderner Vitalismus mit Religion. Vitalismus und Religion dienen der Konstitution gesellschaftlicher Identität, und diese Konstitution gesellschaftlicher Identität wiederum ist für das Verständnis des Antisemitismus von entscheidender Bedeutung. Der Rassismus der Nationalsozialisten ist eben nicht strikt biologisch und erschöpft sich schon gar nicht im Sozialdarwinismus allein.

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In der allgemeinen Rede über die nationalsozialistische Ideologie wird die politische Ziel- und Zukunftsbestimmung nämlich die Konzeption vom „Dritten Reich“, nicht genügend beachtet. Die Konzeption des „Dritten Reiches“ kann man mit guten Gründen als eine politische Apokalyptik charakterisieren, eine Apokalyptik, die aus der Tradition des Neuen Testamentes stammt. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten muß aus der Vorstellung heraus interpretiert werden, welche sie von Geschichte, von Vergangenheit und Zukunft hatten. Dann zeigt sich bald, daß das Verhältnis der eigenen Gesellschaft zur Gesellschaft der Juden historisch durch die christliche Tradition des Antijudaismus geprägt ist.

Geht es um Belege und Begründungen für den Antisemitismus führender Nationalsozialisten, finden wir dafür im schriftstellerischen Werk des Joseph Goebbels eine einzigartige Quelle. Aufgrund der Schriften („Die zweite Revolution“, „Wege ins Dritte Reich“ und „Michael“) und den von Elke Fröhlich jüngst ausgezeichnet edierten Tagebüchern aus den Jahren 1924 bis 1926 kann festgestellt werden, von welchen Werten die Ziele seines Handelns bestimmt wurden, und vor allem: ob Goebbels schon antisemitische Überzeugungen notierte, bevor er in die NSDAP eintrat und ein fanatischer Anhänger Adolf Hitlers wurde.

Um Goebbels’ Antisemitismus zu interpretieren, sollen hier zunächst zwei Passagen aus „Michael“ zitiert werden, dem „Jugendwerk“ des späteren Propagandaministers, das 1929 im nationalsozialistischen Verlag Franz Eher erschien und in dem (in Tagebuchform) die „Reifung“ eines jungen Akademikers zum Nationalsozialisten geschildert wird.

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