Von Manfred Sack

Dreieinhalb Wochen eher, als es vorgesehen war, hat der nordrhein-westfälische Landtag in Düsseldorf sein neues Gebäude in Gebrauch genommen – nicht feierlich, sondern mit einer Debatte über das Gladbecker Geiseldrama. Freilich hatten weder der Ernst des Themas noch der Reiz der neuen Umgebung die Abgeordneten stetig auf ihren so ausdrücklich bequem gemachten Plenarsaalsesseln halten können – mag sein, daß ihnen ihr Hunger wichtiger war oder die Gewißheit sie trieb, daß der Debatte doch nur taktische Erwägungen zugrunde lagen, möglich auch, daß die Botschaft der Baukunst sie gar nicht erreichte, und so muß mal wohl fürchten, daß nicht wenigen auch nach der Eröffnungsfeier am 2. Oktober – auf den Tag genau 42 Jahre nach der ersten Zusammenkunft im zurechtgeflickten Opernhaus – schwer begreiflich zu machen sein wird, was ihnen hier errichtet worden ist: ein Landtagsgebäude nämlich, wie es seinesgleichen sonst nicht gibt. Ein sehr praktisches Haus, eines, das sich leicht aber auch als Sinnbild der Verfassung lesen läßt und das obendrein den hier so klangvoll Souverän genannten Bürger mit auffallend freundlichem Respekt begegnet.

Endlich also hat die „Demokratie als Bauherr“ einen klaren Kopf und eine glückliche Hand gehabt, so ganz anders als neunzig Kilometer rheinaufwärts in der Bundeshauptstadt Bonn, wo das Trauerspiel um den neuen Plenarsaal und seine Anbauten einen peinlichen Konflikt auf den anderen häuft, wo die klägliche, geistig überforderte Bauherrnschaft samt einer mißlaunigen Ministerialverwaltung ihren Architekten Günter Behnisch (und seine Partner) so hochfahrend wie Lakaien oder so grob wie Politiker behandelt. Sie werden und werden sich nicht klar darüber, was sie wollen, obwohl der Rohbau steht – und sind unempfänglich für Ideen, die ihrer stumpfsinnig gewordenen Debattierpraxis aufhelfen können.

Welch interessante Begebenheit deshalb, daß eben dieser so beflissen gedemütigte Architekt in Bonn dem Preisgericht in Düsseldorf vorstand, das über den Wettbewerb für das Landtagsgebäude Nordrhein-Westfalens entschieden hat. Und es hatte sich wunderbarerweise gefügt, daß die Düsseldorfer Gewinner – die Architekten Fritz Eller, Erich Moser und Robert Walter – ähnliche Vorstellungen hatten wie er für seinen gescheiterten Bonner Parlamentsneubau in den siebziger Jahren. Mehr: daß der Landtag und sein Präsidium in Düsseldorf sogar ausdrücklich auf einem kreisrunden Plenarsaal bestanden, in welchem alle Abgeordneten, auch die Mitglieder der Landesregierung, in ringförmiger Anordnung sitzen und auf gleicher Ebene – darauf bauend, daß dies den Stil des Streitens verbessere, also der Demokratie förderlicher sei als alle traditionellen Parlamentssäle.

Etwa ein Schock Architekten aus der Bundesrepublik hatte sich 1979 an die schwierige Aufgabe gemacht. Die Wettbewerbsjury hatte wenig Mühe gehabt, ihren Favoriten auszumachen. Sie gab ihm den ersten Preis einstimmig und steigerte seine Bedeutung noch, indem sie keinen zweiten vergab, nur noch dritte und vierte Preise. Mit dem Bau wurde bald begonnen.

Natürlich war es der Plenarsaalkreis, der Fritz Eller und seine Mitarbeiter zu faszinieren begann, nicht zuletzt deswegen, weil sie schon oft mit dieser geometrischen Urform geliebäugelt hatten und sie dann als räumliches Gestaltungselement tatsächlich und mit strenger Konsequenz für die Universität Duisburg angewendet haben. Eller entwickelte daraus ein ganzes System zylindrischer Figuren – in Düsseldorf freilich überzeugender als in Duisburg. Vom Bauherrn dazu angestiftet, wurde der Plenarsaal gleichsam zur strahlendenden Sonne, die von drei (und mehr) ebenso runden kleinen Planeten umkreist wird, den Sälen der Fraktion (und der Ausschüsse), welche spiralförmige Schweife nach sich ziehen (Kreissegmente, in denen sich die Abgeordnetenzimmer und Büros befinden).

Dieses geometrische Spiel mit dem Kreis und mit Segmenten, konkaven und konvexen, hat der Architekt allerdings so erstaunlich konsequent durchgehalten, daß man fürchten mußte, es ende in einem tauben Manierismus. Jedoch hat er es so variabel gespielt, daß er der berüchtigten, blanker Virtuosität innewohnenden Leere entwischte. Lassen die Grundrisse – oder ein Blick von oben, vom Fernsehturm hinunter – noch einen architektonischen Mechanismus befürchten, so lehrt der Blick ins Innere besseres: Fluß und Rhythmus der Räume, der offenen wie der geschlossenen, geschehen mit geradezu heiterer Gelassenheit, wie von selbst; nichts wirkt gezwungen. Wo immer man sich aufhält, bewegt, sich umschaut: Die Idee von einem Parlament, das seinen Plenarsaal eher als einen erweiterten Konferenztisch denn als einen Vortragssaal empfindet, und auch die Idee vom Parlament als eines, das den Bürger achtet, ist hier tatsächlich Wirklichkeit geworden.

So setzt es sich auch in Szene. Auf der vom Rhein abgewandten, der Stadt freilich etwas halbherzig zugewandten Seite öffnet sich der kreisende Komplex mit einem offenen, runden Vorfahrts-Platz. Man könnte ihn wohlwollend auch einen Empfangsplatz nennen, wenn der sich nicht eigentlich im Innern befände: Dort, im Eingangsfoyer, herrschen Helligkeit und Weite; das Licht treibt mit den Sprossen großer Fensterwände ein lebhaftes, sehr dekoratives, dabei eigenartig architektonisches Schattenspiel. Hier finden die Besucher seitwärts den runden Empfangssaal. Von hier fährt sie auch ein riesengroßer, fünfzig Personen fassender, gläserner und selbstverständlich runder Lift hinauf zur Besuchertribüne über dem Plenarsaal, langsam genug, damit Zeit ist, die Architektur der Foyers zu betrachten und die Atmosphäre zu ahnen, die sie erzeugt: eine in Parlamenten unüblich freundliche, offenherzige, lichtdurchflutete, dabei klare Stimmung.

Dazu tragen nicht nur die kurvenden Wände bei, sondern auch vieles andere, zum Beispiel die Materialien: Bedeutungsschwere Räume wie Plenar- und Fraktionssäle sind mit gelblichem Elbsandstein aus Dresden verkleidet, andere Wände sind weiß verputzt oder mit hellem Holz getäfelt, Fenstersprossen und Treppengeländer sind weiß gestrichen, auch die Stahlbalkendecke des Empfangsfoyers im Erdgeschoß, die mit Lust bekanntgibt, daß sie viel zu tragen hat, aber es mit ihren eleganten Linien überspielt. Die Garderoben-Paravents sind aus Holz, ebenso wie die beiden Treppen, die schwungvoll zum Landtagspräsidium (hinter dem Plenarsaal) hinaufführen und zur Lobby, der Wandelhalle, die – im Gegensatz zum Besucherfoyer unten – nicht mit hellgrauem Granit und dünnen schwarzen Kreisen gepflastert ist, sondern einen Holzfußboden hat. Er sagt an, daß die Abgeordneten hier zu Hause sind, daß hier ihr Arbeitsplatz beginnt.

Das ganze Interieur – auch in den Fluren und in den Abgeordneten- und Verwaltungsbüros – ist von leichter Modernität, einfach, gut gestaltet, nirgends dekorative Mätzchen um irgendeiner Gemütlichkeit willen. Nur dort, wo die relative Privatheit der Fraktionen herrscht, breitet sich ein anderer Geschmack aus, zum Beispiel bei der CDU: Schon stehen drei Fahnen hinterm Vorstandstisch, hängen an der Wand ein Kreuz sowie die überlebensgroßen Köpfe gewesener Vorsitzender auf mittelmäßigen Photographien, schwarz gerahmt und mit einer Goldkante versehen.

Zentrum dieses Landtagsgebäudes aber ist, wenngleich nicht geographisch, der Plenarsaal, das politische Streitforum des Landes – selbst wenn die legislative Arbeit längst in die Ausschüsse abgeglitten ist, selbst wenn die Meinungen in den Fraktionen egalisiert werden, selbst wenn also das Plenum oft nur noch der (direkt ins Fernsehen übertragene) Rechtfertigungsort halb vollzogener Entscheidungen ist, in der mit Leidenschaft Fensterreden gehalten werden. Der Düsseldorfer Bauherr und seine Architekten aber glauben, trotzdem, fest daran, daß der Ort so, wie er von ihnen formuliert worden ist, einen neuen Geist herausfordern würde. Die Architektur, jedenfalls, eröffnet ihm eine große Chance.

Der Plenarsaal hat einen Durchmesser von dreißig Metern. Die zur Zeit 227 Abgeordneten sind, in fünf Ringen unmerklich ansteigend, in relativer Gleichheit plaziert, nicht anders als die Regierung. Sie sehen einander, wenn sie sprechen, und dank einer ausgeklügelten „richtungsorientierten“ Elektroakustik hören sie auf jedem Sitz jeden Redner von dort, wo er (ins Mikrophon) spricht. Da ihre Arbeit nicht zuletzt darin besteht, zuzuhören und das oft stundenlang, hat der Architekt ihnen angemessen bequeme Sessel entworfen. Um ihre Augen nicht anzustrengen, wurde die Wand ringsum nicht weiß gestrichen, sondern getäfelt; und um sie nicht abzulenken, bekamen sie auch kein Fenster, an dem Schiffe vorüberziehen. Dieser Blick eröffnet sich nur den 340 Besuchern und den Journalisten auf dem Emporenring über ihnen.

Die Decke bildet einen mächtigen stählernen, mit Fenstern versehenen Stern, der an noch mächtigeren Stahlbindern hängt, der längste 77 Meter lang und über sechs Meter hoch – eine raffinierte Konstruktion, an die, weil das von Versorgungsleitungen durchzogene Rheinufer keine Fundamente erlaubte, ein Bürotrakt zur Balance angehängt ist. Es gibt im übrigen viele angenehme Räume – wie die kreisrunde Bibliothek, die sich unter dem Eingangsfoyer zum Rhein öffnet, und viele schöne Details – wie die breit umrandeten Messingtüren in den Sandsteinfassaden der Säle.

Wer nach einem architektonischen Bild sucht, in dem die Demokratie ihr Wesen zu erkennen gibt, findet eines in Gestalt dieses Bauwerks. Die Architekten (die jetzt als Eller, Maier, Walter und Partner firmieren) haben es gottlob unterlassen, Transparenz als Metapher für Demokratie zu mißdeuten. Das Gebäude gibt sich offen dort, wo es tunlich und möglich ist; es verschließt sich da, wo Konzentration notwendig ist oder Vertraulichkeit. Gearbeitet wird in geschlossenen Räumen, in Sälen also, zu denen die Allgemeinheit nur Zutritt hat, wenn sie nicht stört und wenn ihre Zeugenschaft verlangt ist. Offenheit kennzeichnet nur das Verhältnis des Parlaments zu seinem Souverän, an dessen Statt es hier über politische Meinungen und Entscheidungen diskutiert und debattiert, zu den Bürgern. Besonders die Foyers offenbaren, daß die Architektur den Abgeordneten nahelegt, den Bürgern mit Respekt zu begegnen.

So wurde das Landtagsgebäude zu einem merkwürdig heiteren Bauwerk – im Innern. Außen hingegen läßt es sich nicht auf Anhieb deuten. Es breitet sich in bewegten Formen am Rheinufer aus, es fällt auf, man ahnt, daß der etwas aufgeregt wirkende Bau mit seinen ziemlich sperrigen Figuren aus Sandstein und dunkler (demnächst patinagrüner) Metallhaut etwas Besonderes darstellt – aber ein Parlament? Nun ist das heutzutage ein schwieriges Verlangen, weil der „Bautypus Parlament“ sich auf keine Formel mehr berufen kann: Kein Kapitol mehr, das einst die Heiligkeit einer Kuppel-Kathedrale der Erhabenheit des Parlaments anverwandeln wollte, kein Palast mehr, mit dem man die Machtgebärde eines absoluten Herrschers in die des demokratischen Bürgers umzudeuten sich bemühte, weder Agora noch Arena und auch kein Unterhaus, und erst recht nicht die x-beliebige Verpackung eines Hochhauses.

Stattdessen findet man hier eine funktional entworfene, äußerst gebrauchstüchtige, trotz allem etwas steife Komposition aus Kreisen und Segmenten, aus der sich aber die zentrale Institution, der Inbegriff des „Hohen Hauses“, der Plenarsaal kaum heraushebt. Zwar ist er nicht im Innenhof vergraben (wie der Ratssaal in Mainz), aber er steigt auch nicht mit wunderbarem Selbstbewußtsein auf (wie in Alvar Aaltos Rathäusern). Die alles überragende Dominante steht leider daneben, der 238 Meter hohe Fernsehturm – kein Teil des Landtages, natürlich, aber längst sein einflußreicher Botschafter, eine seltsam treffende Nachbarschaft.

Düsseldorf, das sich auf seine lebendige Innenstadt viel zugute halten kann und dem Rheinufer große Aufmerksamkeit zugewendet hat, endete bisher im Süden, wo die Kniebrücke mit der starren Gebärde einer schwerlich zu überwindenden Barriere ansetzt, einigermaßen abrupt: Hafengegend, die ihren Betrieb inzwischen eingestellt hat. Ein Becken wurde zum Yachthafen, ein anderes zugeschüttet und dem Bauplatz des Landtags zugeschlagen. Wenn die Hochstraße vor dem Landtag auf Kölner Weise in einen Tunnel verlegt und ein den Blicken lästiges Parkhaus erst einmal verschwunden ist, wird sich hier der geplante Rheinpark ausbreiten und auch dem Parlamentsvorplatz seine gedachte Bedeutung verschaffen. Kunstwerke tragen nach Kräften dazu bei: eine flache schräge Scheibe von Dani Karavan, ein bezauberndes stählernes Windspiel von George Rickey, ein schräger halbrunder Brunnen von Heinz Mack aus Wasser und Glas dort, wo nichts wächst, unter dem Plenarsaal am Rhein.

Bis hierher reicht unterdessen auch die Uferpromenade, die nun den nördlichen Rheinpark mit dem neuen am Südrand verbindet und gleichsam mit dem Hofgarten und der baumbestandenen Königsallee einen grüngepflegten Kreis schließt. Die Schlußpointe darin also ist das neue Landtagsgebäude, in dessen Vorgänger, das historische Ständehaus, der Ministerpräsident einziehen wird. Schwer, sich einen attraktiveren Bauplatz dafür auszudenken: Hier vollendet der Rhein seinen von Süden her weit ausschwingenden Bogen, hier entfalten sich wie überall in Düsseldorf die unvergleichlichen, dem Hochwasser sich wie von jeher ergebenden Flußauen jenseits; hier führt die eleganteste der drei Schrägseilbrücken, die Kniebrücke mit ihrem schlanken Doppelpylon über den belebten Strom. Da haben es selbst London und Budapest nicht leicht mitzuhalten.