Von Willi Winkler

Vor vielen hundert Jahren, als Giorgio Vasari Daten und Anekdoten für seine „Leben der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Baumeister“ sammelte, wurde der Künstler als Ausnahmeerscheinung erfunden. Die Kunst hob ihn über das Normalmaß hinaus, er war kein Erdenmensch mehr, sondern den Göttern nahe. Die Welt der Renaissance hatte sich zu säkularisieren begonnen, aber in der Kunst blieb die Religion, der Glaube an das unbegreiflich Erhabene, weiter bestehen.

Das 18. Jahrhundert entwickelte daraus, nur folgerichtig, die Genieästhetik. Das Genie brachte sich an keine Regel zu halten, es kannte keine Maßstäbe, setzte sie allenfalls für die Nachfolger. Das Genie war freibeuterisch, ekstatisch und eben genial, immer noch den Göttern nahe, sei es durch den Musenkuß oder die inspirierende Umnachtung. Was der jugendbewegte Goethe, der unglückliche Kleist oder der verrückte Hölderlin schufen, war etwas vollkommen Neues: Mit ihrem verzweifelten Leben standen sie ein für die Qualität ihrer Schöpfungen; das selbstzerstörerische Leben beglaubigte ein Werk, das noch nicht dagewesen war, für das die hermeneutischen Begriffe noch fehlten.

Aber alas!, sie sind selten geworden, die selbstzerstörerischen Genies. (Welche Freude aufkommt, wenn mal wirklich einer unnahbar und widerspenstig ist, sich etwa nicht photographieren oder featuren läßt wie unser lieber Rainald Goetz!) Der Künstler als Licht- oder auch als satanische Gestalt wäre vielleicht schon gänzlich verschwunden, wenn es nicht/ die Popkultur gäbe. Hier hat der rasende Künstler überlebt, hier hat er sein letztes Refugium gefunden.

Der Dreizentner-Elvis, der sich in seinem Lollipop-Graceland vergrub; die wilde Janis Joplin, die sich zu Tode soff und fixte; der verträumte Brian Jones, der in die Drogenwelt abtauchte und im Swimming-pool ertrank; der mörderische Sid Vicious; selbst eine so klinisch saubere Person wie Karen Carpenter erfüllte das seit James Dean wieder und wieder repetierte Modell des schnellen Lebens und noch schnelleren Sterbens, indem sie sich magersüchtig zu Tode hungerte.

Als wenig entwicklungsfähige Musik braucht der Rock’n’Roll diese Heiligenfiguren, jede für sich ein Luzifer nach dem Sündenfall, denn sie garantieren ihm das Weiterleben. Die Musik allein kann, nicht existieren ohne den Zierat der Inszenierung. Sie wirkt noch perfekter, wenn der Sänger von der Drogenhölle nicht nur singt, sondern in ihr wirklich draufgeht.

Elvis Presley und Jim Morrison und Al Wilson und John Lennon sind deshalb die Baudelaires und Batailles der Popkultur. Diese Schmerzensmänner sind Relikte aus einer heroischen Zeit, da die Kunst noch aus dem Leben kam (so scheint es jedenfalls im Rückblick), als es sich folglich noch zu leben lohnte.