Weiterhin unbeständig und kühl
Cora Stephans unverkrampfte Nachrichten über die Deutschen Von Iring Fetscher
Cora Stephan, freie Autorin, Jahrgang 1951, faßt eine Reihe von Aufsätzen zusammen, in denen sie sich mit unterschiedlichen Aspekten der zeitgenössischen Gesellschaft auseinandersetzt. Dabei beweist sie Selbständigkeit, Mut und unerschrockene Bereitschaft, auch diejenigen Klischees zu korrigieren, denen sie selbst vorübergehend Tribut gezollt hat:
Cora Stephan: Weiterhin unbeständig und kühl Nachrichten über die Deutschen; Rowohlt Verlag, Reinbek 1988; 310 S., 24,- DM.
Durch ihre zeitgeschichtlichen und sozialwissenschaftlichen Arbeiten ausgewiesen, erlaubt sie sich, mit Lockerheit und ironischer Distanz auf die Gegenwart zu blicken. Das wird besonders deutlich in dem Beitrag, der sich mit dem Bundeskanzler beschäftigt. Helmut Kohl wird von Konservativen immer wieder vorgeworfen, daß er nicht genügend Führungskraft beweise. Stellt das aber nicht eher umgekehrt den Vorzug dieses populistischen Kanzlers dar? Wenn Kohl nicht den Mut hat, sich gegen Mehrheitstendenzen in der Bundesrepublik durchzusetzen und wenn er um seiner Beliebtheit willen dem Trend der öffentlichen Meinung hinterherläuft, verhält er sich dann nicht gerade als Demokrat?
Wenn er aber konservative Wenden nach rückwärts zu verwirklichen versuchte, ist er meistens gescheitert. Weder mit seiner Versöhnungsgeste in Bitburg noch mit anderen Initiativen dieser Art hat er das Gewünschte erreicht. Doch hat im Gegenteil das Bewußtsein von der Last der Nazivergangenheit und von der Notwendigkeit, sie in das eigene Selbstverständnis aufzunehmen, immer mehr Bundesbürger überzeugt.
Ernsthafter als diese ironische Rechtfertigung des Kanzlers Kohl ist der erste, ausführliche Essay, der gegen die Feminisierung des Krieges argumentiert. Nicht deshalb, weil kriegerisches Verhalten typisch männlich sei, sondern umgekehrt, weil das Aufkommen der Artillerie und vor allem der heutigen Massenvernichtungsmittel jede heldische, jede ritterliche, jede ritualisierte Form des Kampfes hinter sich gelassen habe, müsse eigentlich auch ein überzeugter Militär für die Abschaffung des Krieges eintreten. Der Krieg sei ja heute keine Sache von mutigen Kämpfern mehr, sondern eher eine Angelegenheit von Technikern der Massenvernichtungsmittel. Derartige Vernichtungsmittel waren nach den Moralvorstellungen früherer Zeiten unmännlich und folglich abzulehnen. Erst mit dem Aufkommen der Massenheere und der allgemeinen Wehrpflicht sowie des diskriminierenden Feindbegriffs seien diese modernen Massenvernichtungsmittel möglich geworden. Feministinnen aber hätten allen Grund, die Männer bei ihrer traditionellen kämpferischen Moral zu packen und sie damit als Bundesgenossen im Kampf gegen den Krieg überhaupt zu gewinnen.
Nicht alle Beiträge dieses Bandes dürften bei männlichen Lesern ein gleich starkes Interesse auslösen. Aber selbst noch der letzte Beitrag mit dem amüsanten Titel „Dessousveränität", der in witziger Weise über den Einkauf eines modernen seidenen Dessous berichtet, dokumentiert den gelassenen Umgang der Autorin mit den Tabus auch noch ihrer eigenen Generation.
In anderen Beiträgen beschäftigt sich Cora Stephan mit dem „deutschen Glück im Winkel" und versucht nachzuweisen, daß trotz der Kolonialexperimente der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, entgegen dem von den Nazis propagierten Drang nach Osten, die Deutschen am liebsten in einem Häuschen mit Garten daheim sind. Manche dieser Argumente könnten freilich genausogut auf das imperiale Volk par excellence, auf die Briten, angewendet werden. Auch sie haben ja überall, wohin sie kamen, ihre eigenen Sitten und Gebräuche - von der Teestunde bis zum Dinnerjacket und zur Perücke des Obersten Richters - eingeführt. Überall legten sie Golfplätze an, überall führten sie englische Gewohnheiten ein, als ob sie überall da, wo sie hinkamen, zu Hause bleiben wollten.
- Datum 7.10.1988 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 07.10.1988 Nr. 41
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