Die Augen offen halten
Von Hanns Grössel
Am 10. Oktober wird Claude Simon fünfundsiebzig Jahre alt. Seit er 1985 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, sind von ihm zwei kürzere Arbeiten aus den siebziger Jahren auf deutsch erschienen: „Triptychon" und „Anschauungsunterricht"; die Übersetzung von „Les Georgiques" aus dem Jahre 1981 ist in Arbeit. Kurz hintereinander sind jetzt zwei Veröffentlichungen herausgekommen, die teilweise autobiographischen Charakter haben und die auf unmittelbarere Weise, als es mit Hilfe früherer Bücher möglich war, Einblicke in Claude Simons Sehund Schreibweise geben; zugleich bereiten sie auf die Lektüre der „Georgica" vor.
Deren eine Hauptfigur, den General L S M, zitiert Simon im „Album eines Amateurs", das als Objekt Nr. 8 in der Reihe „Signatur" des Verlages Rommerskirchen erschienen ist. Es enthält Photographien, die Simon größtenteils selber gemacht hat, Photographien von Reisen in europäische und außereuropäische Länder, aber auch Bilder aus Frankreich. Ferner zwei Aufnahmen, die seinen Vater zeigen, den schon 1914, zu Beginn des Ersten Weltkrieges gefallenen Offizier und Kolonialbeamten auf Madagaskar, wo Claude Simon geboren ist: auf der einen sieht man den Vater mit Tropenhelm neben einem Theodoliten, „assistiert von einigen in Fetzen gekleideten Eingeborenen"; er nimmt „topographische Messungen" vor, „um diese auf einer Karte zu verzeichnen", wie Simon in der Bildunterschrift erläutert.
Andere Photographien erinnern an Claude Simons Romane: Auf einer ist das Hotel Colon in Barcelona zu sehen, der „Palast" des gleichnamigen Romans, auf einer anderen das mutmaßliche Feld der „Schlacht bei Pharsalos", beherrscht von einer ausgedienten landwirtschaftlichen Maschine, die an eine kinetische Montage von Jean Tinguely gemahnt. Ein weiteres Bild: auf einem Hang der belgischen Ardennen bei Charleville weiden zwe weiße Rinder - eine „friedvolle Landschaft", durch die 1940 der Soldat Simon bei Rückzugsgefechten gekommen ist, heute „Symbol für Tod und Angst"; wie er schreibt; darunter eine Photographie des Kriegsgefangenen mit der Nummer 28982 , Die Photographien des Albums stehen jeweils für ein lebens- oder ein werkgeschichtliches Datum. Doch weder der Auswahl noch der Anordnung nach folgen sie den Lebensaltern Simons: Das hätte nicht der zyklischen Auffassung von Zeit entsprochen, wie er sie wieder und wieder in seiner Prosa ausdrückt, mit jenem „Stillstand der Zeit und des Raumes" als Endzustand, von dem er bereits in „Das Seil" aus dem Jahre 1947 spricht. Dort bekennt er auch, wie lebenswichtig ihm von jeher das Sehen gewesen sei: „Ich schließe niemals die Vorhänge meiner Fenster, nicht einmal nachts ( ). Die Augen offen halten, ganz weit, bei Strafe sie nie mehr aufmachen zu können "
So betrachtet, ist das „Album eines Amateurs" ebensosehr das Album eines Amateurphotographen wie das eines Liebhabers von Sichtbarem, eines leidenschaftlichen Sehers, dem das Sichtbare auch in seinen ruinösen Rest- und Verfallszuständen noch kostbar und festhaltenswert bleibt. Simon zitiert Jean Starobinski, der von seinem, Claude Simons Werk gesagt hat, es nehme „den Wert einer prekären und monumentalen Wiederherstellung eines lebendigen Ichs von seinen Trümmern aus" an; „jede Vergangenheit"
5Simon, „ist eine Addition von Ruinen, denen die Zeit und die Verstümmelung eine dauerhafte Würde verleihen, die das so geadelte Bauwerk im Neuzustand nicht hatte. Wir alle bestehen aus Ruinen: Denen der vergangenen Zivilisationen und jenen der Ereignisse unseres Lebens, von denen in unserem Gedächtnis nur Fragmente übrig bleiben. Was die Wiederherstellung dieses lebendigen Ichs angeht ( ): Ich habe diese Arbeit auch mit der eines Forschers verglichen, der in einem unbekannten Land umherirrt und sich bemüht, dessen Karte zu erstellen "
Mehrere Photographien des Albums sind in Leningrad aufgenommen: Man sieht die Peter undPauls Festung, wo Dostojewski gefangen war, daneben das Museum mit seinen Wohnräumen; auch das Lenin Mausoleum in Moskau ist im Bilde festgehalten. Die Aufnahmen dürften von der offiziellen Rußlandreise stammen, die Claude Simon im Herbst 1986 unternommen hat - als eine von fünfzehn Persönlichkeiten, die am Issyk kul See in Kirgisien über die „Verwirklichung der Menschheitsideale im dritten Jahrtausend" nachdenken , schreibt sollten. Simon hatte inzwischen jene „Beliebtheit oder Berühmtheit" erlangt, „zu der man es durch ( ) eine begehrte internationale Auszeichnung bringt", wie er anmerkt.
Über den Aufenthalt in der Sowjetunion hat er 1987 einen Bericht veröffentlicht, der jetzt unter dem Titel „Die Einladung" auf deutsch vorliegt. Daß Claude Simon von Politikern und ihren Propagandaveranstaltungen etwas halten könnte, wird kaum jemand vermutet haben: „Männer mit sympathischem, zuversichtlichem Lächeln, die sich bemühen, etwas, das man die Geschichte nennt, zu beschleunigen oder zu verlangsamen" - mit so verhaltenem Sarkasmus hatte er sie noch in „Das Seil" charakterisiert. In „Die Einladung" hingegen fallen mehr als einmal die Worte „Bandit" und „Gangster" - unnötigerweise, muß man sagen, wie es auch nicht nötig wäre, durch Anspielungen erraten zu können, daß beispielsweise Arthur Miller und Peter U$tip0v gleichfalls zu den Eingeladenen gehörten ":_? i„ : > ,? y;, :, Simons Reiserjericirlt wirÜt gerade deshalb W vernichtend, weil keine Namen genannt werden. Nur durch präzises Beschreiben tritt das Marionettenhafte, Mechanische, Tote und Verlogene des Besuchs- und Tagungsprogramms hervor. Claude Simon ist der „antihistorische Fatalist" geblieben, als den Jean Amery ihn bezeichnet hat - und ein Prosakünstler, der seinen einzigartigen Rang auch in dieser Nebenarbeit nicht verleugnen kann. Deutsche Übersetzung (Beilage) von Werner Zettelmeier; SIGNATUR, Objekt Nr. 8; Verlag Rommerskirchen, Remagen Rolandseck 1988; 56 S , 185 - DM Aus dem Französischen von Christine Stemmermann; Rowohlt Verlag, Reinbek 1988; 77 S , 19 80 DM
- Datum 07.10.1988 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 7.10.1988 Nr. 41
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