Zwischen „Zauberberg“ und „Feuerzangenbowle“: Walter Kempowskis „Hundstage“

Von Klaus Modick

In einem kurzen Essay ist Umberto Eco der Frage nachgegangen, was das Faszinierende an „Casablanca“ ist, einem aus der Sicht „anspruchsvoller Kritik“ eher mäßigen Film, überfrachtet mit Klischees, Phrasen und zu Floskeln verkommenen Archetypen. Gerade weil, so Ecos Argumentation, die Archetypen alle aufgeboten würden und „Casablanca“ unzählige andere Filme zitiere, höre und sähe der Zuschauer unwillkürlich „das Echo der Intertextualität“. Wie eine „Duftwolke“ ziehe „Casablanca“ andere Situationen und Plots hinter sich her, die das Publikum mehr oder weniger unbewußt aus anderen Filmen nähme und nun in „Casablanca“ hineinprojiziere: „Wenn alle Archetypen schamlos hereinbrechen, erreicht man homerische Tiefen. Zwei Klischees sind lächerlich, hundert Klischees sind ergreifend. Denn irgendwie geht einem plötzlich auf, daß die Klischees miteinander sprechen und ein Fest des Wiedersehens feiern. Wie höchster Schmerz an die Wollust grenzt und tiefste Perversion an die mystische Energie, gewährt äußerste Banalität einen Blick aufs Erhabene.“

Nicht ausschließlich, aber doch in seiner zentralen Absicht, läßt sich Walter Kempowskis neuer Roman „Hundstage“ als ein solches Fest des Wiedersehens lesen, opulent inszeniert, vor keinem Klischee, keinem trivialen Erzählmuster zurückschreckend; zugleich aber alle Klischees wieder ironisch bis satirisch unterlaufend. Nicht zufällig besitzt Kempowskis Protagonist, der hier mehr denn je als alter ego des Autors verstanden werden muß (und auch will), eine Schreibmaschine mit „Phrasen- und Floskelspeicher“; nicht zufällig wird dies praktische Gerät am Schluß demoliert; nicht zufällig endet der Roman mit der Frage: „Oder war dies ein postmodernes Happening?“ – wie überhaupt in diesem Roman vieles zwar auf den ersten Blick zufällig scheint, stilistisch sträflich unbedarft, in Wahrheit aber gar nichts zufällig ist, geschweige denn naiv, sondern alles Ergebnis einer ausgeklügelten Komposition.

Aber postmodernes Happening? Echo der Intertextualität gar? Und das ausgerechnet bei Walter Kempowski, dem harmlos-milden, ironischen Chronisten einer immer obsoleter werdenden Bürgerlichkeit, dieser Mischung aus Thomas-Mannscher Ironie, historisierender Buchhaltern und goldschnittgerahmten Rückblenden.Die Konstruktion ist, an der Oberfläche, simpel. Der Erfolgsautor Alexander Sowtschick, 60, ein trotz aller Stilisierungen und ironischen Brechungen überdeutliches Selbstporträt Kempowskis, sieht sich in einer doppelten Krisensituation. Sein Privatleben dümpelt in Form einer sogenannten glücklichen, also langweiligen Ehe wenig motivierend vor sich hin; seine literarische Produktivität leidet an Ermüdungserscheinungen, Legitimationsproblemen und Sowtschicks Unfähigkeit, das, was er „aktuelle Problemfelder“ nennt, in seine Bücher einzuarbeiten – Bücher, in denen er „Bedeutsamkeit mit Sinnlichem zu mischen verstand und überdies, was modische Strömungen anging, auf dem Teppich blieb’“. Das Ehepaar verordnet sich einen getrennten Sommerurlaub: Sie fährt nach Frankreich, er bleibt allein zu Haus, um konzentriert an einem neuen Roman zu arbeiten. Aber die ominösen Problemfelder wie Umweltzerstörung, Aufrüstung oder Arbeitslosigkeit fügen sich nicht in Sowtschicks Manuskript, und der Urlaub vom Ehealltag erweist sich als unbequem. Über die studentische Jobvermittlung engagiert sich der genervte Schriftsteller eine Medizinstudentin als Haushälterin, die mit ihrer jüngeren Schwester im Schlepptau Einzug in des Dichters aufwendiges Arkadien hält. Die seltsame Gesellschaft vergrößert sich sukzessive um zwei halbwüchsige, ponyreitende Mädchen und ein leicht schwachsinniges Kind aus der dörflichen Nachbarschaft sowie durch zwei unangemeldet auftauchende, pubertierende Nichten des Schriftstellers, der sich plötzlich als alternder Hahn im Korb von sieben Mädchen umgeben sieht.

Es entwickelt sich ein fragiles Gleichgewicht aus Unverständnis und gutem Willen zwischen Jung und Alt, aber auch aus gegenseitiger Anziehungskraft, in der Altherren-Voyeurismus mit Teenager-Geilheit, Abgeklärtheit mit Schwärmerei, vergrübelte Kultiviertheit mit naiver Begeisterung für Pop-Kultur, ein ebenso spannungsreiches wie komisches Mischungsverhältnis eingehen. Als das schwachsinnige Kind tot aufgefunden wird, gerät Sowtschick in den Verdacht, ein Sittlichkeitsverbrecher zu sein. Er kann aber mit einem Alibi aufwarten, und der Mörder des Mädchens wird schließlich überführt. Die Mädchen reisen ab. Als Sowtschick von einer Lesung nach Haus zurückkommt, findet er sein mit Antiquitäten und Kuriositäten vollgestopftes Anwesen von der aufgehetzten Dorfjugend demoliert. In diese zerschlagene Ordnung kehrt die Ehefrau zurück – und der Leser ahnt, in einigen Tagen wird wieder alles beim alten sein.

Anfangs läuft alles so glatt, klischiert, trivial und gequält munter ab, wie dies grobe Handlungsgerüst es vermuten läßt. Nach und nach entdeckt man aber in den bis zur Kitschigkeit leuchtenden Farben dieses Sommergemäldes feine Risse. Andeutungsweise erst, dann geradezu unausweichlich, entsteht das Psychogramm eines Paranoikers, dem die winzigsten Anlässe genügen, sich die monströsesten Todesarten vorzustellen. Diese Angst vorm eigenen Tod ist auf sehr subtile Weise mit pornographischen Phantasien verkoppelt, die dem Zusammenleben des Schriftstellers mit den Mädchen etwas untergründig Bedrohliches verleihen. Ist man erst irritiert, daß Kempowski den Text von fast unverstellter Sexualsymbolik überwuchern läßt, als ob er im unablässigen Gedanken an „das eine“ seine Sprache nicht zügeln könne, bekommt diese Dimension dadurch, daß Sowtschick später als heimlicher Pornographiefreund entlarvt wird, retrospektiv eine völlig stringente, poetische Schlüssigkeit.