Jacques Brei hat ihm geholfen, hat ihm beigebracht, die Stimme melancholisch vor sich hin granteln zu lassen, zu raunen, zu knurren und zu knarzen, ehe dann wieder ein Stückchen in Harmonie mit dem Chor zu schwingen ist. Zu schwingen, nicht zu swingen. Ganz künstlich verdichtet und in der Poesie doch irgendwie wahr. Den Nachhall des belgischen Chansonnier-Stars Brei hatten in letzter Zeit auch schon der Engländer Marc Almond und der Belgier Arno auf ihren Chanson-Lieder-Pop-Platten eingeschmolzen. Aber so schön nahe am Rande von kalkuliertem Kitsch und melodramatischer Geste hat keiner von beiden das Vermächtnis des Kultur-Europäers Brei inszeniert wie ausgerechnet Ex-Sträfling Tom Mega aus Essen.

Lieder aus den Hinterhöfen des Vergnügens – „Songs From The Backyards of Pleasure“ – hieße die Platte auf deutsch. Und da merkt man, wie nah sich Tom Mega an augenzwinkerndes Pathos und Schwulst wagt und damit gleichzeitig an Ausdrucksformen, die in der Popmusik sonst ausfallen. Die Melodien des neunköpfigen Streicher-Ensembles streichen manchmal eben haarscharf an

Süße und Bombast vorbei, aber eben vorbei. Der Sprechgesang ist manchmal auf der Kippe zum Abziehbild aus der Fromage-Reklame: leicht angeknitterter Anzug-Franzose mit gelockerter Krawatte, ein Auge zugekniffen, wegen des Rauchs der Gauloises, die im Mundwinkel klemmt – im Hintergrund wacht Montmartre gerade auf.

Tom Megas Songs haben alle diese Abgeblätterte-Farbe-Atmosphäre, etwas Brüchiges, viele Verwerfungen und Sentimentalität. Der 65jährige Jazz-Trompeter Harry Becken und der ehemalige Billy-Holliday-Piano-Begleiter Mal Waldron spielen da hinein ihre Alte-Männer-Sicht der Welt, ohne Wehmut und Weinerlichkeit. Auch die übrigen Musiker sind Jazzer und keine Popmusiker und auf keinen Fall chansonerfahren. Und so breitet sich ein poetisches Ambiente der Hinterhöfe aus: Die kleinen Genüsse und Perversionen, die man da trifft, wo Leute aufeinandertreffen, die sich miteinander arrangieren müssen, weil sie zwar nicht verhungern, aber sich doch nur die billigen Viertel leisten können. Einfache Poplieder, die von Jazz-Farben und konventionellen Streichern verfremdet werden. Tom Megas Hinterhöfe sind nicht nur in Essen.

Aus den Hinterhöfen des Ruhrgebiets kommt auch Pöhl Musik, die letzten zwei Monate als Botschafter teutonischer Avantgarde für die Goethe-Institute durch Süd- und Mittelamerikanischen Diktaturen unterwegs. Pöhl Musik ist ein Trio aus Herne 2, dem ehemaligen Wanne-Eickel. Im Herzen von Herne 2 sind nach Ansicht von Pöhl Musik Leben und Kunst im Acht-Stunden-Takt der „anspruchslosen Romantik“ einer Industrielandschaft geprägt. Das nicht mehr ganz neue dritte Album heißt „Maschinenstürmer“, und die Titel der Stücke lauten „Schepperhannes“, „Kolonnenschieber“, „Maschinenhaus“, „Material“ oder „In leeren Hallen“.

Und das ist Programm. Die greifbare mechanische Kraft, die neue Computer-Steuerung der Arbeitsprozesse und ihre entfremdete Logik. Die Pöhl-Musiker integrieren die Maschinenwelt in ihre Mixtur aus Free-Jazz und europäischer Improvisation, aus Funk- und Pop-Rhythmen, die gemeinsam mit der dann und wann hereinstampfenden Rhythmik der Maschinen die Stücke zusammenhalten und ihnen Songstrukturen geben. Auch da wird es manchmal so sentimental wie bei Tom Mega, vor allem bei dem von Anne Bentgens gesungenen „Vibration“. Es spielt auch der New Yorker Violin- und Cello-Avantgardist Jon Rose in einigen Stücken mit – das Gefühl des bleiernen Acht-Stunden-Tages interpretiert er genauso wie das Trio aus dem Kohlenpott, das sich von dem Aktions-Künstler Christoph Schläger für das Schall-Ambiente sogar eine „Klangmaschine“ aus industriellem Rest-Material hat bauen lassen. Metall knirscht und klackert zum Alt-Saxophon.

„Dark-Star“, erste und einzige Solo-Platte des Gitarristen Tom Diabo aus Wuppertal, ist ein Notizbuch, dessen Skizzen nie mehr durch die Polier- und Schleif-Prozedur eines Tonstudios gehen. Tom Diabo starb im Februar an Krebs. Das Material zur Platte hatte er, ziemlich genau von der Begrenztheit seiner Zeit wissend, zu Hause auf dem Tonband eingespielt – mit Mini-Synthesizer, Baß, Rhythmus-Maschine und Gitarre. Rock’n’Roll und seine Balladen gestript auf ihre absoluten Notwendigkeiten. Eine sentimentale Hommage an eine Musik und das Lebensgefühl der Verlorenheit und des schnellen Vergnügens. Ich weiß, das Leben ist kein Spaß, singt er, aber ich renne trotzdem weiter, als ob jemand hinter mir her wäre. Die simplen Gitarren-Riffs und die seltsam-fremden Synthie-Melodien bringen mehr Gefühlsintensität als hundert Hochglanz-Produktionen aus der Fabrik. Freddie Röckenhaus