Starbiographien aus Hollywood sind seit jeher eine Mischung aus success story und Melodram. Sie berichten gefühlvoll aus der Arena des Schicksals. Sie erzählen von der Mühe, der Beste im Fach zu werden, von Niederlagen, Intrigen, Rückschlägen. Und, glamourös und rührselig, vom großen Sieg am Ende.

Nichts von alledem gibt es in Clint Eastwoods „Bird“. Sein biographischer Film um Charlie Parker, den genialen Altsaxophonisten des Bebop, ist eher eine liebevolle, kaleidoskopische Studie.

Der Film stellt, so behutsam wie vorsichtig, eine amerikanische Legende vor: den verrückten, besessenen, in jeder Hinsicht extremen Jazzer. Alles will der gleichzeitig: Liebe und Erfolg, ewige Lust und ewigen Spaß. Von der Musik erfüllt, zugleich aber von allen nur denkbaren Gelüsten abhängig, läßt Parker seinen Obsessionen freien Lauf: Auf seinem „Horn“ improvisiert er, was nie zuvor zu hören war; mit seinem Körper konsumiert er, woran andere schnell zugrunde gehen – Heroin, Alkohol und Medikamente, Freß- und Sexorgien. Die Tragödie dieses heiligen Mannes: daß er das eine nur tun kann, ohne das andere zu lassen. Seine maßlose, schwindelerregende Musik setzt ein maßloses, schwindelerregendes Leben voraus.

Charlie Parker erfüllte Mitte der vierziger Jahre, so sein Biograph Ross Russell, die „Sehnsucht nach einem mythischen Helden“. Schon sein Spitzname Bird erinnerte „an schwerelosen Flug, Licht, unbegrenzte Horizonte und Jenseitigkeit“. Dazu Parkers Musik, rein und kraftvoll im Ton, innovativ in Sound und Rhythmus: Noch für heutige Maßstäbe setzt sie „neue Höhepunkte – in Konzept, Farbe, Vielfalt und rhythmischer Energie“. Wenn Parker loslegt, so Ross Russell weiter, „spielt sein Instrument mit der Kraft einer Trompete, aber der Sound bleibt eine Ausweitung der menschlichen Stimme: das Saxophon summt, schnurrt, singt, gleitet die Register auf und ab, erzählt, schnarrt, stöhnt, ermahnt, deklamiert, schreit und weint“. (Russells Parker-Biographie „Bird lebt!“ ist erschienen im Hannibal Verlag, Wien, 254 Seiten, 39,–DM)

Clint Eastwood, für den – neben dem Western – der Jazz die einzige authentische Kunstrichtung der Amerikaner darstellt, versucht in „Bird“ etwas Doppeltes: dem Leben dieses mythischen Helden nachzuspüren, ohne ihm seine Geheimnisse zu nehmen, und in aller Ruhe seine Musik vorzustellen, ohne ihr dabei die fiebrige Ausstrahlung auszutreiben. Eine Geschichte entsteht so nicht. Nur Szenen einer wilden, überspannten Karriere.

Zwei kürzere Bilder genügen als Hinweis auf den Anfang: in dem einen reitet ein Junge auf einem Pony, Blockflöte spielend; in dem anderen wandert ein Teenager vor einem ärmlichen Holzhaus hin und her, auf dem Saxophon „Maryland, my Maryland“ variierend. Sichtbar werden so: Herkunft und Leidenschaft. Und: Das Genie, das später neue Maßstäbe setzte – für spontane Einfälle, für rasante Tempi, für fremde Harmonien – erweist sich als Autodidakt.

Danach beginnt alles mit dem Anfang vom Ende – mit dem Selbstmordversuch nach Ausschweifung und Heimkehr, Verwirrung und Streit. Ein Blick in den Spiegel gibt den Ausschlag: „The bird has just a little time to flutter.“