Von Frank Busch

Die Frage, wie Rainer Werner Fassbinder in die Moskauer U-Bahn kam, konnte nicht ganz geklärt werden. Die Geschichte, die der russische Zwerg erzählt, beginnt damit, daß er dem deutschen Filmemacher gegenübersaß und seinen Photoapparat auf ihn richtete. Die anderen Fahrgäste wurden neugierig und fingen an, die beiden zu beobachten. Fassbinder spürte die Energie, die sich da auf ihn konzentrierte, und ließ vor seinen Augen einen schwarzen Punkt entstehen. An der nächsten Station schlüpfte er einfach da hinein und flog durch die geöffnete Wagentür davon. Zurück blieb nichts als ein Photo von dem schwarzen Punkt.

Natürlich hätten wir den Zwerg nach dem Anfang der Geschichte fragen können. Auf einem Kinderfahrrad fuhr der Mann mit den kurzen Beinen und den langen Haaren durch Berlin, aber da war er schon in eine andere Geschichte verwickelt: Es ging nicht länger um das Porträt des deutschen Filmemachers, das der Videofilm mit dem Titel „Der verrückte Prinz Fassbinder“ den Moskauer (Underground-)Zuschauern vermitteln wollte, sondern um ein Porträt des russischen Theaterregisseurs Anatolij Wassiljew. Dazu hatten die Berliner Festwochen fast die ganze Schule für dramatische Kunst in Bewegung gesetzt, eine Institution, die trotz des ehrwürdigen Namens mehr ein Kunstlabor denn eine theoretische Anstalt ist.

Von dort stammt auch der Videofilm über Rainer Werner Fassbinder. Es ist ein modernes Märchen aus der Sowjetunion. Und wie in allen russischen Geschichten aus unseren Tagen entdecken wir darin schon bald etwas von Glasnost: Ein Fenster öffnet sich, und wir blicken in das Innere eines lange Zeit verschlossenen Landes. Wir sehen ins Schwarze. Es ist finster wie in den unterirdischen Tunneln der Moskauer Metro. Feuerzeuge blitzen auf. Ein halbnackter Junge in Uniformhosen schreit die Lebensgeschichte Fassbinders heraus, als handelte es sich um ein unerhörtes ästhetisches Bekenntnis. Jeden Satz schleudert er den Zuschauern mit der Kraft einer Ohrfeige ins Gesicht. Einen Mann zu küssen, das sei, als wenn man in den Spiegel sehe, sagt er und drückt seine Lippen auf ein Photo aus dem Film „Querelle“. Es zeigt den Schauspieler Günther Kaufmann, vor dessen Tür Fassbinder jeden Abend vergeblich um Einlaß gefleht hat, wie uns der Junge mit verzerrtem Gesicht erzählt.

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Mit Gewalt werden alle Vernagelungen abgerissen. Die erstarrte Gesellschaft gerät in Bewegung. Dinge, die für Generationen unaussprechlich waren, werden öffentlich verhandelt. Wer will, kann sich dieses Bild von der Situation der Sowjetunion beim Berliner Gastspiel von „Cerceau“ bestätigen lassen: Das Stück, das Viktor Slawkin für Wassiljews Truppe geschrieben hat, liest sich wie eine Metapher, und gleich das erste Bild der Aufführung ist ein perfektes Symbol: Ein Haus mit verbreiterten Fenstern.

Mit Gewalt werden alle Vernagelungen abgerissen. Drinnen gerät eine erstarrte Gesellschaft in Bewegung. Anatolij Wassiljews Inszenierung zeigt die Geschichte, wie wir sie kennen: Das Haus ist das Erbe des bürgerlichen Zeitalters, der Staat, der sich so lange Zeit in völliger Stagnation verschlossen hatte. Erst mit der Öffnung beginnt die Gesellschaft, die sich in dem Haus versammelt hat, die Einrichtung in Besitz zu nehmen und nach ihren Bedürfnissen umzugestalten. Öffnung und Umgestaltung, Glasnost und Perestrojka: Die Begriffe sind wie die Mauern des Hauses, das da auf der Bühne steht. Sie erleichtern das Verständnis der Situation, aber sie behindern die Einsicht.