Von Dieter E. Zimmer

Wohl wahr: einige heimische Vertreter der Biologie treten gern in der Rolle des politischen Predigers auf. Natürlich ist es ihr gutes Recht. Wenn mir selber dabei trotzdem manchmal unwohl ist, dann weil sie in dieser Rolle zwangsläufig mehr sagen, als ihre Wissenschaft hergibt, der Leser aber nur schwer erkennen kann, wo die Wissenschaft aufhört und die Ideologie beginnt – und weil die ideologischen Blößen leicht dazu benutzt werden können, den Beitrag, den die Biologie zum Verständnis menschlichen Verhaltens geleistet hat und noch leisten kann und muß, ja das biologische Denken überhaupt in Mißkredit zu bringen.

Eben dies versucht Jost Herbig – nicht nur in diesem seinen Aufsatz, sondern ausholender und gründlicher in seinen letzten beiden Büchern, „Im Anfang war das Wort“ (1984) und „Nahrung für die Götter“ (1988). An sie soll sich meine Replik deshalb halten.

Vorgenommen hat sich Herbig eine Menge. Zum einen will er die soziale Vorgeschichte der Menschheit rekonstruieren, die Entwicklung von der Jäger-und-Sammler-Gruppe bis zu den ersten Staatsbildungen. Zum andern möchte er gar zu gern allem „Biologismus“ den Todesstoß versetzen: den Versuchen, den einen oder anderen Aspekt heutigen menschlichen Sozialverhaltens auf biologische Gegebenheiten zurückzuführen. Genauer: Die Vorgeschichte, wie Herbig sie erzählt, soll demonstrieren, welch dümmliche und gefährliche, glücklicherweise aber ganz und gar haltlose Position die der „Biologisten“ ist.

Offenbar hat Herbig schon der ferne Anblick des „Biologismus“ so entgeistert, daß er es für überflüssig hielt, diesem die Ehre näherer Aufmerksamkeit zu erweisen. Immer wieder kanzelt er die Meinungen seiner Gegner von vornherein als „Wahn“, „Irrglauben“, „Phantasmagorie“ ab. Und während der sachliche Teil seiner Bücher auf Hunderten von paläontologischen, archäologischen und ethnologischen Forschungsberichten beruht, stammt Herbigs Bild der Verhaltensbiologie aus einem halben Dutzend Quellen, zumeist Bestsellern älteren Datums. Hubert Markl, Christian Vogel, um nur zwei naheliegende Autoren zu nennen: kommen nicht vor. Am Ende wähnt Herbig den Biologismus erledigt. Aber am Boden liegt nur sein Pappkamerad.

Der Kern von Herbigs Botschaft: „Seit 30 000 Jahren wird das menschliche Verhalten nicht mehr durch angeborene Verhaltensweisen und Denkstrukturen gesteuert.“ Es orientiere sich seitdem vielmehr an „kulturellen Normen und Weltbildern“, bis in die Neuzeit religiösen.

Daß der Mensch – übrigens seit viel mehr als 30 000 Jahren – eine Kultur besitzt, die ihn von der genetischen Verhaltenssteuerung in gewissem Maß befreit hat, muß Herbig nun aber niemandem sagen. Selbst die eingefleischtesten Biologisten haben es immer für die bare Selbstverständlichkeit gehalten. Sie haben – mit unterschiedlichen Akzenten – nur behauptet, daß unsere Emanzipation längst nicht vollständig war.