Die Welt des Nagib Machfus
In seinem Roman „Söhne unseres Viertels“ schildert Nagib Machfus, wie der Kairoer Klan Jeblaoui ins Unheil stürzt. Doch das Werk hebt sich deutlich ab von den meisten übrigen Familienromanen der Weltliteratur. In der Handlung gibt es immer wieder Parallelen zur theistischen Geschichte der Menschheit: Der Bruch mit Gott (dem Vater); die Vertreibung wegen der Erbsünde; der Versuch der Religionsstifter (Moses, Jesus und Mohammed), den verstoßenen Menschen zu retten und zu Gott zurückzuführen.
Doch ist dieser Roman nicht unbedingt als Parabel oder als Allegorie zu lesen, selbst wenn einige Inhalte das Transzendentale streifen. Was Nagib Machfus mit seinen „Söhnen unseres Viertels“ meisterhaft gelang, ist zweierlei: Einmal die authentische Darstellung eines dem Verfall und dem Elend preisgegebenen Mikrokosmos, eben des Jeblaoui-Viertels; zum anderen die Vermittlung des auf einem universalen Ordnungsprinzip beruhenden Rechts auf Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit.
Seine plastische Erzählkunst, die sich in anschaulichen Schilderungen ebenso wie in düsteren poetischen Visionen artikuliert, vermittelt seine eigentlichen Anliegen: die Frage nach Gut und Böse, vor allem aber seine soziale Vision.
Aus der Sicht des Romanciers Machfus bilden Elend und soziale Mißstände die Grundelemente des Bösen schlechthin. Was die verschiedenen Romanfiguren von „Söhne unseres Viertels“ beseelt, was die Gemüter immer von neuem bewegt, ist der Drang nach einem Leben in Würde und Gerechtigkeit. Der wahre Grund für den Verfall des Viertels ist nicht die alttestamentarische Verstoßung der Kinder des Patriarchen, sondern die Habgier der Bewohner, die zur Wehrlosigkeit gegenüber den Unterdrückern führt. Aus der Sicht Machfus’ entstehen soziale Mißstände aus Ignoranz und Resignation, nicht als Folge dämonischer Gewalten.
Nagib Machfus’ Roman „Söhne unseres Viertels“ gehört wahrscheinlich zu den Höhepunkten der modernen arabischen Geistesgeschichte. Dabei weist er zahlreiche Parallelen zum Leben des Autors auf: Nagib Machfus wurde im Dezember 1911 in Djamaliyya, einem der ältesten Viertel Kairos geboren. Es ist ein Ort, an dem Geschichte, Tradition, Aberglaube und Schabernack die Menschen von der Geburt bis zum Tode prägen. Wie in jeder orientalischen Stadt bilden die einzelnen Stadtviertel in sich geschlossene Wohngebiete mit eigener Tradition und hierarchischen Strukturen, die dem Außenstehenden verschlossen bleiben. Machfus’ Vater war ein kleiner Angestellter im Staatsdienst, hatte also einen Beruf, der seit dem Ägypten der Pharaonen für Identitätsbildung und Autorität bürgt. Das Leben in einer verfallenden Kairoer Wohnung mit ihren ineinander verschachtelten Zimmern, umbaut von Balkonen und umgeben von einem dichten Dschungel anderer uralter Häuser und Verliese, nur getrennt durch schmale Gassen, unter dem ständigen Blick der Nachbarn und ihrer gegenseitigen Schnüffelei, haben den jungen Machfus stark geprägt.
Seine frühen Lebenserfahrungen arbeitet er in einem seiner ersten Romane auf: „Khan al Khalili“ aus dem Jahr 1941. Pathetisch schildert er darin jenes Milieu seiner Herkunft und die tragische Liebe eines dort verwurzelten Paares. Bereits als Oberschüler in Abbassiya gab er zu Beginn der dreißiger Jahre sein literarisches Debüt. Wie andere große Meister der arabischen Literatur – Taha Hussein oder Tewfik al Hakim – schrieb auch der junge Machfus zahlreiche Romane über die Pharaonen. Dabei ging es ihm allerdings weniger darum, historische Epen zu produzieren, er wollte sich damit vielmehr eine Möglichkeit schaffen, um an die Größe Ägyptens vor der Kolonialisierung in den zwanziger und dreißiger Jahren zu erinnern. Der Rückgriff auf die Pracht und die zivilisatorischen Leistungen des alten Ägypten der Pharaonen sollte eine neue Kontinuität ermöglichen. Dieser Rückgriff auf die Vergangenheit des Landes galt damals als Wegweiser in eine Zukunft der Selbständigkeit und des Fortschritts.
Daneben hat in jenen Jahren ein weiterer Einfluß die literarische und soziale Identität Machfus’ geprägt: Die Auseinandersetzung mit den „modernen“, sprich westlichen Geistesströmungen, die von Literaten und Sozialkritikern – Taha Hussein, Lutfi as Sayyad, Muhammad Hassan Haykal – nach längeren Studienaufenthalten in Europa nach Ägypten mitgebracht wurden. Auf die Weise machte er die Bekanntschaft mit den Werken der abendländischen Zivilisation, mit Darwin, Kant, Marx und Freud, aber auch mit Tolstoi, Ibsen und H.G. Wells. Die daraus resultierende Annäherung an die Moderne brachte ihn zwangsläufig dazu, sich von seiner traditionellen Denkweise zu lösen und eine kritischere, sozial bewußtere Haltung einzunehmen.
Bis dahin gleicht der Lebensweg von Nagib Machfus dem seiner Kollegen aus der ägyptischen Intelligenzija. Doch während seine Kollegen – al Hakim, Haykal, al Akkad, um nur einige zu nennen – ihre Werke lediglich fortentwickeln, um etatistische Doktrinen, philosophisch-religiöse oder gar politische Inhalte zu transportieren, ging Nagib Machfus an den systematischen Ausbau seiner Erzählkunst. Allein und ausschließlich aus dem Blickwinkel auf seine unmittelbare Umgebung entstand zwischen 1951 und 1957 seine berühmte Roman-Trilogie. Zu diesem Zeitpunkt war sein Name sowohl in Ägypten wie in der übrigen arabischen Welt fast schon zu einem Synonym für den ägyptischen Roman geworden.
„Zwischen zwei Schlössern“, „Das Schloß der Sehnsucht“ und „Der Zuckertopf“ – die Teile der Trilogie heißen nach drei Straßen eines kleinbürgerlichen Kairoer Bezirks. In diesem Zyklus wird der Werdegang einer Familie des Kleinbürgertums in Kairo während der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts geschildert. Die Vorbilder seiner Romanhelden hat er in jenem Milieu gefunden, das er sein Leben lang am meisten liebte: das Milieu der Kaffeehäuser, kleiner Boutiquen und die Atmosphäre entlang der Nil-Corniche von Kairo. Dies ist die Welt von Nagib Machfus; hier sind die Personen seines rund vierzig Titel umfassenden Gesamtwerks verwurzelt.
Kenner seines Werks teilen es in drei Epochen ein: Die erste ist die historisch-geprägte der Pharaonen-Erzählungen. In der zweiten Phase – von 1952 an – dominiert der soziale Roman, wie beispielsweise die Trilogie, wo durch realistische Schilderungen Sozialkritik geübt wird. Die dritte Phase beginnt 1959 – nach acht Jahren des Schweigens – mit der Veröffentlichung von „Söhne unseres Viertels“. Sie gilt als die Phase des allegorischen Romans, wenn auch die „Söhne unseres Viertels“ nicht unbedingt auf diese Ebene zu begrenzen sind.
In Frankreich und der englischsprachigen Welt ist Nagib Machfus schon seit den vierziger Jahren bekannt. In den hispanischen und slawischen Sprachen erscheinen ebenfalls seit Jahrzehnten Übersetzungen seiner Arbeiten. Selbst ins Chinesische und in Urdu (für Indien und Pakistan) wurden einige seiner Bücher übersetzt. Auf Deutsch gibt es bislang fünf kleinere Romane, die nur zum Teil lieferbar sind. In der Orientalischen Bibliothek des Verlages C.H. Beck ist der Roman „Der Dieb und die Hunde“ erschienen, im Berliner Orient-Verlag „Das Hausboot am Nil“ und im Zürcher Unionsverlag „Die Midaq-Gasse“. Andere Titel sind in Verlagen der DDR herausgekommen.
Die finanzielle Ehrung durch den Nobelpreis dürfte für den Siebenündsiebzigjährigen nicht der entscheidende Aspekt sein. Wichtiger ist die Frage, ob dieser Preis dazu beitragen kann, die Aufmerksamkeit des Abendlandes auf eine alte und reiche Kultur zu lenken, deren Erbe Nagib Machfus ist. Bislang gibt es jedoch zumindest im deutschsprachigen Raum wenig Indizien dafür, daß das Interesse für arabische Literatur zunehmen könnte. Jacques Naoum




