Von Jost Herbig

Den Schöpfer radikal ausgebootet“, so feierte vor Jahresfrist der Evolutionsbiologe Wolfgang Wickler das neueste Werk seines Kollegen Richard Dawkins. In diesem Buch, „Der blinde Uhrmacher“, hatte Dawkins gezeigt, daß es keines Schöpfers bedarf, um die Welt des Lebendigen zu erklären. Die Evolutionstheorie genügt.

Nun hat bekanntlich Darwin schon vor hundertdreißig Jahren „Die Entstehung der Arten“ nicht durch Schöpfung, sondern durch natürliche Zuchtwahl erklärt. Wer heute über den ausgebooteten Schöpfer triumphiert, hat also nichts vorzuweisen, was solches Aufsehen rechtfertigt. Wicklers Triumph signalisiert vielmehr eine neue, evolutionsbiologische Mission. An die Stelle des entmachteten Schöpfers haben Biologen Evolution gesetzt und sind selbst in die Rollen der Propheten und Verkünder evolutionistischer Glaubenslehren geschlüpft.

Schon die Titel, Gesten und Metaphern einschlägiger Werke sind der Welt des Glaubens entlehnt. Als Moses hatte 1971 Wolfgang Wickler „Die Biologie der Zehn Gebote“ vom Himmel auf die evolutionäre Erde gebracht. Mit dem Zorn eines alttestamentarischen Propheten wetterte Konrad Lorenz zwei Jahre später über „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ und drohte mit „Apokalypse“. In seelsorgerischer Fürsorge forderte 1985 Hoimar v. Ditfurth eine genetisch zum Untergang programmierte Menschheit auf: „So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“, es sei soweit.

Die Species Mensch ist aufgerufen, sich den Erkenntnissen der Evolutionsbiologen nicht länger zu verschließen. Ethik, Politik und Philosophie sollen auf ein naturwissenschaftliches Fundament gestellt werden. Seit Jahrtausenden, so hatte der amerikanische Soziobiologe Edward O. Wilson 1976 erklärt, hätten Menschen wie Sophokles’ Antigone vergeblich über den Ursprung des „ungeschriebenen heiligen Rechts der Götter“ gerätselt. Es sei an der Zeit zu realisieren, daß „die Naturwissenschaften nun in der Lage sind, den Ursprung und die Bedeutung menschlicher Werte aufzuklären, denen alle Ethik und ein erheblicher Teil der politischen Praxis entstammen“.

Konrad Lorenz weitete den Anspruch auf das Denken aus. 1973 sah er „auch die Wissenschaft vom menschlichen Geiste, vor allem die Erkenntnistheorie, ... zu einer biologischen Naturwissenschaft ... werden“. Vollmundig stellte zwei Jahre später Gerhard Vollmer in seinem Werk „Evolutionäre Erkenntnistheorie“ die wissenschaftshistorische Perspektive her: „Was das heliozentrische Weltbild für die Physik leistet, die Abstammungslehre für die Biologie und die vergleichende Verhaltensforschung für die Psychologie, das leistet die evolutionäre Erkenntnistheorie für die Philosophie“ – Anlaß für Dieter E. Zimmer, diesen Anspruch 1980 als eine „kopernikanische Wende unserer Zeit“ zu feiern.