Daß das Schreiben einer Dissertation gewisse wissenschaftliche Mindestvoraussetzungen verlangt, gibt – rein theoretisch – zumindest ein Bossle-Schüler zu: „Eine wissenschaftliche Arbeit“ habe sich in der Beurteilung ihres Gegenstandes, so fordert Bossle-Doktorand Hans-Georg Krantz, „vor einem leichtfertigen Lob wie bedenkenloser Kritik zu hüten“. Und prompt fährt er in seiner Dissertation über die „Führungsauslese in multinationalen Unternehmen“ fort: „Als mittelständischer Unternehmer zögere ich nicht, den Führungskräften in internationalen Unternehmen ein hohes Maß an Wertschätzung entgegenzubringen. Ihre disziplinierte Lebensleistung und ihr häufiger Verzicht auf einen großen Spielraum privater Daseinsgestaltung...“ undsofort – das ist nicht leichtfertiges Lob, sondern Soziologie in Würzburg.

Ein Dissertations-Band, dem ein unbekannter Vorwortverfasser „fachsoziologische Betrachtungsweise“ nachrühmt und der sich selbst ernsthaft als „soziologische Analyse“ begreift, ist „Die Deutsche Rolandwanderung (1932-1938)“ über die brasilianische Einwandererkolonie „Rolandia“ von Bernd Breunig. Der Autor, der sich bei Doktorvater Bossle für „wissenschaftliche Führung“ bedankt, schreibt im Kapitel zu den „historischen Hintergründen“ Brasiliens über fünf Seiten hinweg die Brockhaus-Enzyklopädie von 1967 ab, streckenweise wortwörtlich selbst da noch, wo der Brockhaus unter seinem Chefredakteur, dem einstigen NS-Dozenten Wilhelm Hehlmann, wüste ideologische Implikationen in das Nachschlagewerk einbringen ließ.

Ganz ohne Brockhaushilfe kommt die Neue Würzburer Soziologie in den Klischees des traditionellen Antisemitismus zurecht. Juden, so schreibt Breunig in seiner Zusammenfassung, „traten im Rolandia der Anfangszeit in bemerkenswert großer Anzahl auf“, sie fühlten sich als „Salz in der Suppe“, und so nimmt es ihn „nicht Wunder, daß sie auch dem Roländer Kulturleben ihren Stempel aufdrückten“. Nicht lange: „Mit dem Ableben der jüdischen Gründergeneration ging die kulturelle Normalisierung einher.“ Und das war gut so, denn „erst nach Erreichung der als normal zu bezeichnenden Schwelle“ kam ein „neuer Aufschwung“, und dies sei das Verdienst der „nichtjüdischen deutschen Einwanderer“: Ihr Beitrag habe sich „als der solidere“ erwiesen.

„Schlußbetrachtung“ dieser Würzburger Soziologie zum Thema deutsche Einwanderung in Brasilien: „Heute mehr als 35 Jahre nach Hitlers Tod hat die Welt mit anderen Fragen als den Untaten Hitlers zu kämpfen.“ Die anstehenden Probleme – unter anderen: „falsch verstandene Friedenssehnsucht“ und „Negierung des Leistungsprinzips“ – seien „nur noch teilweise mit dem Wirken Hitlers zu erklären“. Und „die in der Literatur vereinzelt als ‚Gewohnheitstugenden‘ abqualifizierten Eigenschaften wie ‚Liebe zur Scholle, Hang zur Ordnung, Sauberkeit und Pflichterfüllung‘ werden in Rolandia auch dann noch von deutschen Einwanderern künden, wenn die letzten deutschen Dichterlesungen und Kammerkonzerte schon längst verklungen sein werden“. Der – jüdische – „Versuch, höchste Kulturgüter gleichsam zu transportieren“ müsse „als gescheitert“ gelten.

Kein Sonderfall ist auch die 1986 vorgelegte Dissertation von Wolfgang Thüne. Die gedruckte Fassung – ebenfalls als Band 4 der „Neuen Würzburger Studien zur Soziologie“ in Bossles Creator-Verlag erschienen – zeigt zum Ausweis einer besonderen wissenschaftlichen Qualifikation gleich nach dem Inhaltsverzeichnis den Doktoranden Thüne auf einem Farbdruck in Tuchfühlung mit Seiner Kaiserlichen Hoheit Otto von Habsburg – beide frei und ungezwungen den Betrachter anlächelnd. Im Vorwort spricht Doktorvater Bossle dem Doktorsohn Thüne „Respekt“ dafür aus, daß „er dieses umfangreiche Werk neben einer vielfältigen beruflichen Tätigkeit und der Wahrnehmung landsmannschaftlicher, wetterdienstübermittelnder und kommunaler Inpflichtnahmen geschrieben“ habe. „Damit“ sei Thüne „selbst ein Beispiel, welches seine These bestätigt, daß der Verlust und die Wiedergewinnung der Heimat die Energien der Menschen anspornt“. Der wiederum bedankt sich bei „meinem soziologischen Lehrmeister, Herrn Professor Dr. phil. Lothar Bossle“ aufrichtigst für die „bewußtseinfördernde Akzentuation“. Das so entstandene „Epos der Soziologie“ (Bossle) mit dem Gesamttitel „Die Heimat als soziologische und geopolitische Kategorie und als Identitätsimpuls in der Dynamik der modernen Industriegesellschaft“ könnte zwar auch vom Titanic-Chefredakteur persönlich geschrieben sein, ist aber gerade darum ein vollendeter Ausdruck der Neuen Würzburger Soziologie.

Unter Berufung auf Pius XI. und auf den NS-Rassenkunstkundler und Bilderstürmer Paul Schultze-Naumburg, der 1930 unter dem thüringischen NS-Innen- und Volksbildungsminister Wilhelm Frick auf ähnliche Weise Direktor der Staatlichen Kunsthochschule in Weimar wurde wie Bossle in Würzburg Direktor des Soziologischen Instituts der Universität, definiert Thüne: „Heimat ist Bodenständigkeit, ist Wurzelgefühl, ist Territorialanspruch.“ Und Heimat ist ihm schließlich auch noch „Lebensraum“ – er bedauert, daß die Termini „Lebensraum“ und „Kampf um Raum“ als „Blut und Boden-Ideologie des Faschismus“ gelten und beweist mit der Schrift „Mut zur Macht“ aus dem Neonazi-Verlag Kurt Vowinckel, daß Politik „ein Kampf um Raum“ ist.

Heidegger und die Wetterkarte