Von Claudia Pai

Wusch!, Wusch! – auf jeder Seite werden die Türen zu den dort dahinterliegenden Labors aufgerissen... Die Lichtschalter werden eingeschaltet. Wir sehen obskure, mysteriöse, ja ominöse Gestelle. Es sind Apparaturen, bestehend aus zwei Lederriemen zum Festbinden des Opfers, und sechs Eisenstäben, wobei je zwei an die Augenlider, ans Trommelfell und in den Gaumen stoßen. Dies bewirkt, daß sich das Opfer nicht ein 100 000stel Millimeter bewegen kann, oder es muß mit unglaublichen Schmerzen rechnen. Meist bekommen die Tiere vor lauter nicht zu ertragenden Schmerzen Atemnot und nachfolgend Herzstillstand... Ohne zu zögern und wie vorher abgesprochen schlagen alle mit ungebändigter Wut auf die Apparaturen ein. Es schallt und scheppert durch den Raum. Elfie hält im Gang Wache. Äxte, Brechstangen wirbeln immer wieder durch die Luft. Fast ekstatisch erfüllen wir unsere Botschaft. Im Labor hinterlassen wir Chaos und Zerstörung, aber auch die Hoffnung auf ein besseres Leben.“ – Erinnerungen des Tierschützers Andreas Wolff, die er in seinem Buch „Kommando Tierbefreiung“ festhielt.

Eine phantasierte Story, so der Autor, die sich jedoch in vielen Einzelheiten wirklich so zugetragen habe. Gut möglich, denn die heldenhafte Figur „Mike“, die im Mittelpunkt des pathetischen Werks steht, trägt unverkennbar autobiographische Züge. Seine tierschützerischen Aktivitäten begann Wolff vor sechs Jahren mit einem Brandanschlag auf die Zentralen Tierlaboratorien der Westberliner Universität, die vom Volksmund auch als „Mäusebunker“ bezeichnet werden. Weitere Laboreinbrüche folgten. Wolff war der erste Tierschützer, der wegen dieser Delikte eine Haftstrafe im Gefängnis Moabit absitzen mußte. Als er dort in Hungerstreik trat, avancierte er zum Märtyrer der bundesdeutschen Tierschützer.

Inzwischen gibt es Pläne, den 30jährigen zum Prinzen zu befördern. Keine geringere als Fürstin Elisabeth Albertina Gertrude Anna Maria von Sayn-Wittgenstein zu Hohenstein wolle ihn adoptieren, sagt Wolff; künftig sollen er und der von ihm gegründete Verein animal peace mit ihrem Namen werben dürfen. Fürwahr eine noble Geste, „befreite“ doch Wolff auch einige Hühner aus den Ställen ihres Bruders Casimir Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg. Doch mit Bruder Casimir, sagt der Aspirant auf den Adelstitel, habe sie sich nie so recht verstanden. Speziell beim Tierschutz haben die fürstlichen Geschwister unterschiedliche Auffassungen: Während sie mit dem radikalen Wolff sympathisiert, ist er immerhin Präsident der friedfertigen Umweltstiftung World Wildlife Fund (WWF) Deutschland.

Gegen die Ausrottung von Arten setzen sich inzwischen weltweit mitgliederstarke Umweltorganisationen zur Wehr: Die Artenschutzzentrale des WWF kämpft gegen den illegalen Handel mit Tieren, die vom Aussterben bedroht sind. Mit Kampagnen zum Schutz der Meeressäuger macht vor allem Greenpeace von sich reden, eine Organisation mit rund zwei Millionen Fördermitgliedern. Und nicht nur sie: Bei der Rettung der beiden verirrten Grauwale aus dem Polareis vor drei Wochen, die Greenpeace-Koordinator Campbell Plowden als „wundervolle Werbung“ betrachtet, gingen Umweltschützer mit amerikanischen Streitkräften, Ölgesellschaften, Beamten, Unternehmern und einheimischen Waljägern eine publikumswirksame Koalition ein. Alexander Patzewitsch, erster Offizier des sowjetischen 44 000-PS-Eisbrechers, der die Tiere schließlich befreite, befand, daß es eine sehr schöne Sache sei, wenn zwei Völker zusammen etwas Gutes täten. Kostenpunkt: über eine Million Dollar – weit mehr, als die Industrieländer etwa den Opfern der Flutkatastrophe in Bangladesch zukommen ließen. Überbordende Tierliebe, so scheint es, soll die fortschreitende Zerstörung der Lebenswelt von Meerestieren vergessen machen – Maßlosigkeit hier wie dort.

Auch in der Bundesrepublik bilden sich immer neue Vereine, Gruppen und Grüppchen, die verbesserten Artenschutz fordern. Das Hamburger „Komitee gegen Vogelmord“ etwa oder die „Aktion Fischotterschutz“, die im Mai Europas erstes Otter-Zentrum im niedersächsischen Hankelsbüttel eröffnete. Gegen die Verarbeitung von Tierfellen riefen Hamburger Tierschützer in der Silvesternacht 1988 das „Internationle Anti-Pelz-Jahr“ aus. Mehr als 25 Anschläge auf Pelzgeschäfte mit über einer Million Mark Schaden beklagten neun Monate später die Kürschner aus Hamburg.

Besonders rasch steigt die Zahl der Gegner von Tierversuchen: 30 000 arbeiten mittlerweile in 55 regionalen Gruppen, die sich zum Bundesverband der Tierversuchsgegner zusammengeschlossen haben. Auf eine Million beziffert der Vorstandsvorsitzende Ilja Weiss die Zahl organisierter Tierschützer in der Bundesrepublik. Allein 600 000 zählt der Deutsche Tierschutzbund (DTB). Und auch er hat sich, sagt Geschäftsführerin Carola Ruff, „von Opas tätschelnder Zuwendung zum Tier weit entfernt“.