rischen oder theatralischen Prätentionen dabei)“. Die gelegentlichen Übersetzungsvergleiche sind ein besonderer Reiz von Vollmanns Lese-Theater für einen Dichter, den Shakespeares Zeitgenosse, Ben Jonson, als „süßen Schwan vom Avon“ besungen hat.

So taucht Simon Catling, Musikant bei der verunglückten Hochzeit in „Romeo und Julia“ auf als Simon Katzendarm (Eschenburg), Hans Kolophonium (Schlegel), Schafsdarm (Gundolf). Im selben Orchester musiziert James Soundpost: Jakob Sandboden (Eschenburg), Jakob Gellohr (Schlegel), Stimmgabel (Gundolf), Stimmstock (Schaller), Windloch (Erich Fried).

Der „Gauch“ ist in „Timon von Athen“ das „Vergleichstier für das, was aus dem Phönix Timon einmal werden wird; Wieland sagt Möwe, Eschenburg Tauch-Ente, den Gauch hat Dorothea Tieck; im Englischen steht naked gull; gull ist Möwe, aber auch Gimpel, Tölpel; Schücking versteht unter gull einen noch nicht befiederten Vogel und den Gauch; Gauch, sagt Grimms Wörterbuch, ist etymologisch der Kuckuck oder Gutzgauch, in dieser Bedeutung aber schon früh ausgestorben und seither, wenn auch hauptsächlich in der Literatur, nur noch als Narr, Tölpel lebendig ... Die Sache ist, kurzum, verwirrend wie fast alles, was in die Wortbedeutungen hinabführt, und macht eben so wenig klug wie die ganze Etymologie.“

Ein dickes Fragezeichen hinter diesen Satz. Bei einem Wortspieler wie Shakespeare wird man beim Gründein nach Wortbedeutungen sehr oft aufs schönste aufgeklärt. Den französischen Gentleman Veroles in „Perikles“ stellt Vollmann mit den Worten des Bordelldieners Boult vor: Veroles habe, als die frische Marina auf dem Marktplatz angeboten worden sei, „beinahe, wenn er nur hätte können, Luftsprünge gemacht und werde bald kommen“. Wenn er nur hätte können... Der Mann heißt Veroles weil er die veroles, hat. So hieß zu Shakespeares Zeiten die „Lustseuche“, mit der, natürlich, besonders herren-, frauen- und heimatlose Franzmänner geschlagen waren. Und wäre es nicht gut zu wissen, daß „Kloster“ ( nunnery), in das Hamlet Ophelia schicken will, zu Shakespeares Zeit auch bedeuten konnte: ins Hurenhaus?

Bizarrerie und Zote

Dabei hat Vollmann durchaus Sinn für Shakespeares puns, für die kalauernden Wortspiele. Wie in diesem labyrinthischen Buch alles versteckt ist, nicht gravitätisch verlautbart, sondern nebenbei mitgeteilt wird, entdecken wir Vollmanns Kritik am Übersetzer Wieland im Kapitelchen zum Stichwort „Weidenbaum an einem Bach: darunter ertrinkt in ‚Hamlet‘ Ophelia ‚Too much of water hast thou, poor Ophelia‘ sagt Laertes, ‚Du hast schon zu viel Wasser, arme Ophelia‘ (Eschenburg), und will nicht auch noch weinen.

Diesen ungeheuren Kalauer hat Wieland nicht übersetzt, und an solchen Stellen zeigt sich seine Schwäche: Wieland hat keinen Spaß daran, die Seele sich ganz unverhüllt aussprechen zu sehn in jenem selben Mittel der bedenkenlos-indelikaten Groteske, deren sich auch Trunkenbolde und Clowns bedienen können; er sieht nicht, oder wenn dann sieht ers nicht gern, daß es einen zuweilen erschreckenden direkten Weg vom Kalauer zur Poesie gibt, und daß Shakespeare diesen Weg sehr oft mit einer einzigen Figur wirklich geht; Wieland scheut dann, wie ein Pferd, wenn ihm ein Sprung zugemutet wird, den es partout nicht gehn will, und so kommt bei ihm das Nebeneinander zustande von wunderbar plastisch nachgeformten Sprachszenen und vollkommenen Aussetzern und Lücken; wenig Sinn hat Wieland auch für die fast morbide Grandezza, die in Kalauern liegen kann und macht, daß noch die schlimmsten Zweideutigkeiten einen erotischen Charme haben können: Wieland sieht nur Bizarrerie und Zote; seine übersetzerische Selbstlosigkeit ist auch hier oft bewundernswert, aber man spürt umso mehr (denn er macht uns nichts vor) die Ferne zu einer Welt, die man sehr gerne besser kennen würde.“