DIE ZEIT

Hoffnung in den Hütten

Gott schütze Rheinland-Pfalz! – Mit diesem Stoßseufzer rief Bernhard Vogel in der Stunde seines Sturzes den Höchsten an. Doch woher wollte er die Gewißheit beziehen, daß ausgerechnet seine Abwahl als CDU-Landesvorsitzender und sein vom eigenen Trotz erzwungener Rücktritt als Ministerpräsident die Notwendigkeit göttlichen Schutzes für diesen Landstrich in gesteigertem Maße bedingt? Gerade die Wachablösung in Rheinland-Pfalz könnte sich als ein Segen erweisen – wenn schon nicht für das Bundesland, so doch für die Union.

Sehenden Auges in die Katastrophe

Heute wissen wir, daß die unerhörten Ruhestörer aus Rom sich in vielen Punkten geirrt haben: Die Reserven der Erde werden wesentlich länger reichen, als man damals annehmen konnte.

Von der Last, Deutscher zu sein

Einen Mann drängt es, eine Rede zu halten. Da er der Bundestagspräsident ist, schlägt er alle aus dem Feld, die berufener wären, das Wort zu ergreifen, läßt sich von einem Referenten, dessen Feingefühl ihn für den Dienst bei einem entlegenen Katasteramt bestens empfiehlt, einen Text aufsetzen, halb Stammtisch und halb Zettelkasten, schmuggelt diesen Text am offenbar wenig wachsamen Präsidium und am Ältestenrat des Parlaments vorbei und tut ihn dann einer erlauchten, aber wehrlosen Versammlung an.

Worte der Woche

„Es war die falsche Rede am falschen Tag und am falschen Ort. Sie wurde vorgetragen ohne ein Zeichen sichtbarer Scham und aufrichtigen Empfindens für das, was unseren, jüdischen Mitbürgern vor 50 Jahren und in der Zeit danach angetan worden ist.

Christoph Bertram: Pro: Ein würdiges Gedenken

Gewiß, da hat der Bundestagspräsident eine Rede gehalten, die formal zu wünschen übrig läßt. Da war nicht alles so elegant, nicht so poliert und wohlvorbereitet, wie die Protokollchefs es sich für Weihestunden wünschen, die dann alle mit dem angenehmen Gefühl gemeinsamer, folgenloser Trauer entlassen.

Die Wahrheit nicht bezweifelt

An einem Apriltag des Jahres 1945 versuchten zwei 14jährige Hitlerjungen in einem norddeutschen Dorf etwas Schreckliches zu verarbeiten, was sie soeben von einer Augenzeugin vernommen hatten: den Massenmord der SS an den Juden.

Das Ende der Dialektik

Da also Jenningers Rede nicht komisch war, kann sie auch nicht, anders als Theo Waigel meinte, tragisch gewesen sein. Denn Komik und Tragik sind zwei einander bedingende Ergriffe.

Das falsche Wir

Wir können der Opfer gedenken. Wir, die Lebenden, können um sie, die Toten, trauern. Aber wenn es ums Erklären geht, dann gilt kein „wir“ mehr.

Zuwenig gesagt

Man könne bei uns nicht alles beim Namen nennen, erwiderte Jenninger auf die Kritik an seiner Rede – und entwertete sogleich seinen Rücktritt.

Bremens Sozialdemokraten: Verbraucht und verschlissen

Wenn er sagt: „Es gibt keine Krise meiner Regierung“, nimmt er den Ton eines trotzigen Kindes an. Doch der Sozialdemokrat Klaus Wedemeier, seit drei Jahren Präsident des Senats (Ministerpräsident) und Bürgermeister von Bremen, dem kleinsten Bundesland der Republik, steckt zusammen mit der Landesregierung in einer schweren Krise.

Verfassungsreform in Portugal: Reaktion auf leisen Sohlen

Als der portugiesische Regierungschef Anibal Cavaco Silva vor über einem Jahr die Parlamentswahlen mit absoluter Mehrheit gewann, war allen Portugiesen klar, daß ein neuer politischer Abschnitt begonnen hatte.

Bonner Bühne: Ballgeflüster in Glitzertüll

Es ist ein Faszinosum, man kann es gar nicht anders sagen. Massen werden angelockt, viele sind berauscht, hinterher stehen die meisten dann doch mit leeren Händen da, von einem Almanach mit dem seltsamen Titel Bonnsai 2000 und von einem „Damengeschenk“, einer Porzellanbrosche, einmal abgesehen.

Weltbühne: Friedensjahr 1988?

Mit dem Frieden ist es eine mühsame Sache. Das zeigt sich in diesen Tagen, nachdem noch im Sommer alle Zeichen auf ein baldiges Ende der großen Regionalkonflikte deuteten.

Nachlese: Ölzweig und Gewehr

Nach dem Willen von PLO-Chef Jassir Arafat soll die 19. Tagung des palästinensischen Nationalrates ein Wendepunkt auf dem Weg zu einer Lösung des Nahost-Konflikts sein.

Kurzportrait: Philosophischer Prinz

Der „traurige Prinz“ durfte sich an seinem 40. Geburtstag breiter Zustimmung der künftigen Untertanen erfreuen. Sogar die populistische Massenpresse stellte ihre garstigen Attacken gegen Philip Arthur George Charles, Prince of Wales, ein.

„Ich werde nicht mehr kämpfen“

Sommer 1964. Das zehnte Jahr Nikita Chruschtschows als Erster Sekretär des Zentralkomitees (ZK) der KPdSU ging dem Ende zu. Mein Vater hoffte, im Herbst Urlaub machen und neue Projekte umreißen zu können.

Die Samen treiben Keime

Als im Herbst vergangenen Jahres das sowjetische Fernsehen den 90minütigen Dokumentarfilm „Risiko“ ausstrahlte, wurden zwei Tabus gleichzeitig gebrochen: Erstens konnten die Sowjetbürger nach mehr als zwei Jahrzehnten wieder Nikita Chruschtschow ausführlich auf dem Bildschirm erleben.

Texaco wird boykottiert: Protest am Zapfhahn

Der leicht ergraute Mann steht vor der Texaco-Tankstelle Max-Brauer-Allee und verteilt Flugblätter. Er möchte seinen Namen nicht nennen: „Wir von der Koordinationsgruppe Texaco-Boykott befürchten Repressalien und Handgreiflichkeiten von Tankstellenpächtern.

Geld für Parteiarbeit: Unbewußt falsch

Keine Konsequenzen werden die Zahlungen des in Konkurs gegangenen Soltendiecker Bauunternehmens Heinz Licht KG an den niedersächsischen CDU-Landtagsabgeordneten Kurt-Dieter Grill haben.

Radioaktive Transporte: Warten auf Castor

Was tun, wenn „Castor“ kommt? Die Atomkraftgegner im Landkreis Lüchow-Dannenberg haben lange gewußt, daß sich ihnen diese Frage eines Tages stellen würde.

Gen Amerika

Der Abgeordnete kam sich vor wie eine Marionette des Großkapitals. Eigentlich ein Gewerkschafter und Sozialdemokrat vom alten Schlag, hatte Manfred Reimann sich seit Wochen in Bonn gegen die herrschende Parteilinie für die Interessen des Chemiekonzerns in seinem Ludwigshafener Wahlkreis eingespannt.

Verwirrung an der Quelle

Manchmal fallen dem Bundeskanzler wirklich griffige Formulierungen ein. Etwa wenn er fordert, die Bundesrepublik brauche „ein bürgernahes und bürgerfreundliches Steuerrecht“.

Bonner Kulisse

Der Dresdner Bank ist zu verdanken, daß man von nun an auf ganz solider ökonomischer Grundlage deutschtümeln kann. Die Novemberausgabe der Dresdner Bank Wirtschaftsberichte beschäftigt sich ausführlich mit dem Aussiedler-Problem und kommt bei der Frage „Chance oder Last?“ zu einer alles in allem sehr positiven Antwort.

Gunhild Freese:: Verraten und verkauft

Bedenken und Bauchgrimmen wurden erst laut, als alles schon gelaufen war. Doch die jetzt folgende kritische Auseinandersetzung wird den Gang der Dinge nicht mehr aufhalten.

Steuerschätzung: Geldsegen für Stoltenberg

Wer noch einen Beleg dafür suchte, daß Prognosen meist Glücksache sind, der wurde in der vergangenen Woche bestens bedient. Der amtliche „Arbeitskreis Steuerschätzungen“, der zweimal im Jahr dem Fiskus vorrechnet, wie viele Einnahmen er erwarten darf, revidierte seine Zahlen vom Frühjahr drastisch nach oben: Mit 7,5 Milliarden Mark mehr als erhofft können die öffentlichen Kassen allein im laufenden Jahr rechnen.

Kernenergie: Vorstoß zum Aufstieg

Bei guter Sicht sind sie vom Luxemburger Kirchberg, dem Sitz des Europäischen Gerichtshofes, gerade noch zu erkennen: die grauen, 170 Meter hohen Kühltürme des Kernkraftwerkes in Cattenom dicht hinter der Grenze auf französischem Terrain.

Soziale Abrüstung tut not

Es gibt kaum eine Vokabel, die so inflationär verwandt wird wie das unscheinbare Wort „sozial“. In Kombination mit Substantiven von A wie Arbeit bis Z wie Zulage durchzieht es unseren Sprachgebrauch.

Quellensteuer: Wo bleibt die Gerechtigkeit?

Die Steuerreform 1990 soll nach der erklärten Absicht der Bundesregierung „ein einfacheres, gerechteres und volkswirtschaftlich besseres Steuersystem“ schaffen.

Die Front bröckelt

Südwestdeutsche Stromversorger wollen kein Geld mehr für den Schnellen Brüter nachschießen

Auf nuklearem Trip

Die britische Regierung macht die atomare Aufarbeitungsanlage Sellafield zu einer Touristenattraktion

Bank und Börse: Willkommene Opfer

Nur fünf Monate war der Markt tot, dann wagte wieder ein Unternehmen den Schritt an die Börse. Anfang April offerierte die Deutsche Verkehrs-Kredit-Bank den Anlegern Aktien im Nominalwert von 18,7 Millionen Mark zum Preis von 155 Mark pro Stück.

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