„Für mein ganzes Leben entscheidend: Nichts Unwichtiges!“Mit achtzig Jahren einer der Jüngsten

Eine Begegnung mit dem amerikanischen Komponisten Elliott Carter und seiner Musik von Heinz Josef Herbort

Von Heinz Josef Herbort

Wie er da im Thermal-Swimmingpool in gemessenem Tempo, aber mit Ausdauer seine Bahnen absolviert, gelegentlich für ein paar Druckstrahl-Massagen oder Unterwasser-Bewegungen pausiert, dann sein tägliches selbstverordnetes Pensum fortsetzt; wie er mit sichtlicher Befriedigung und ebenso großer Selbstverständlichkeit die subtilen Köstlichkeiten einer Perlhuhn-Consomme oder eines unter dem Grill doch noch saftig gebliebenen Lachses auf Kräuter-Joghurt genießt; wie er aber auch halb ungläubigverblüfft, halb verärgert feststellt, daß er beim Waldspaziergang irgendwo hängengeblieben sein muß, sich einen Triangel in seinen Wander-Anorak gerissen hat und nun besorgt ist, ob das auch vorsichtig genug repariert werden kann; wie er schließlich da auf seinem Stühlchen sitzt in der Reihe fünf des Konzert-Auditoriums, in das sich alljährlich im November der Zentralturm des Römerbad-Hotels in Badenweiler verwandelt, wie er den Programmzettel studiert (obwohl er doch zu genau weiß, was da gespielt werden wird), noch ein paar Worte mit seiner Frau wechselt, die Brille putzt, ein bißchen lässig, aber dann doch ungeduldig-neugierig wieder sich das Blatt mit der Text-Übersetzung der zu erwartenden Lieder vornimmt: er könnte für einen immer noch außergewöhnlich rüstigen, wohlsituierten Rentner gehalten werden, pensionierter gehobener oder höherer Beamter vielleicht; oder Freiberufler, Staatsanwalt etwa oder Notar, auch Anlageberater oder Modeschöpfer, jedenfalls mit dem Milieu wie den Annehmlichkeiten eines solch feinen Etablissements ebenso vertraut wie mit den Ritualen eines Kammerkonzerts. Zurückhaltend, fast etwas scheu, jedenfalls mit gehörigem Understatement darauf bedacht, daß nur ja kein Aufheben daraus gemacht wird, noch nicht, sitzt Elliott Carter da – denn schließlich und eigentlich geht es ja niemanden etwas an, daß diese und die folgenden vier musikalischen Soireen letztlich zu seinen Ehren stattfinden, anläßlich des ihm bevorstehenden achtzigsten Geburtstages am 11. Dezember.

Mr. Carter, sind Sie auch aus medizinischen Gründen hier in Badenweiler? Machen Sie etwa eine Kur? ELLIOTT CARTER: Nein, ich schwimme zwar jeden Morgen eine halbe Stunde, gehe viel spazieren, habe aber keine medizinischen Anwendungen. Es gibt auch gar keinen Grund dazu. Der Doktor sagt, ich sei für mein Alter verflucht, hm, bemerkenswert gesund.

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Was hält Sie so gesund?

E.C.: Ich glaube, daß meine Musik eine Art Heilwasser ist, das einen am Leben hält. Nun, ich war halt immer an Arbeit interessiert, das hat mein Leben und meinen Enthusiasmus in Bewegung gehalten. Ich habe mich nie zur Ruhe gesetzt und werde es auch nie tun. Das scheint mir wichtig.

Strawinsky hatte in Ihrem Alter andere Sorgen, redete ständig nur von Ärzten und Medizin

E.C.: Der war ja ein richtiger Hypochonder, fast sein ganzes Leben lang. Wir kannten ihn ganz gut, gegen Ende seines Lebens. Er hatte Probleme mit seiner Thrombose, die ihn ziemlich lahm machte. Er hätte alle möglichen Krankheiten, welche weiß ich gar nicht so genau. Er litt dauernd. Aber ich glaube, daß jeder, der eine Flasche Whisky pro Tag trinkt, Probleme mit seiner Gesundheit hat.

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