Von Ulrich Greiner

War Rolf Dieter Brinkmann ein Faschist? Wer so fragt, hat natürlich nicht den präzisen historischen Begriff Faschismus im Sinn, sondern er sucht nach sozial unverträglichen, politisch unverantwortlichen Anschauungen. Die lassen sich bei Brinkmann leicht finden.

In der bemerkenswert anhaltenden Nachwirkung des 1975 gestorbenen Schriftstellers taucht der Vorwurf immer wieder auf, zuletzt und explizit bei Michael Zeller, der 1987 in der ZEIT schrieb, manche Passagen Brinkmanns müsse man wohl „faschistisch“ nennen. Da ging es um den Nachlaßband „Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand“, und Zeller resümierte: „Das ist nicht der gewaltige Zorn eines Gerechten. Dieses kleinliche Gequengel stammt aus der Giftküche des Ressentiments.“

Bevor wir uns darüber empören, daß einem der bedeutendsten Lyriker der vergangenen Jahrzehnte Ressentiments und faschistische Gesinnung vorgehalten werden, müssen wir volens oder nolens einige Dinge einräumen. Wenn wir Brinkmanns nachgelassene Tagebücher („Rom, Blicke“ von 1979, die „Erkundungen“ von 1987 und den eben erschienen Band „Schnitte“) auf ihren ideologischen Gehalt untersuchen, dann stoßen wir unweigerlich auf Irritierendes: Auf eine elitäre Verachtung der Masse, auf Ausbrüche eines antizivilisatorischen Hasses, auf dezidiert antimoderne und antidemokratische Auffassungen, schließlich auf einen konservativen Anarchismus, der hochmütig und romantisch den sozialen Desperado favorisiert. All dies zusammengenommen könnte den Schluß nahelegen, daß die Vokabel „faschistisch“ im Falle Brinkmanns nicht völlig unbegründet sei.

So klar ist der Fall nicht. Erstens und vor allem deshalb, weil es nicht erlaubt ist, die Tagebücher eines Schriftstellers wie einen Leitartikel oder eine politische Handlungsanweisung zu lesen. Zweitens, weil nur eine vorsätzlich gesinnungsprüferische Lektüre die andere Seite Brinkmanns übersehen kann: Jene Verletztheit, die daher kommt, daß einer unbestechlicher wahrnimmt als wir; jene fast schon verzweifelte Skrupelhaftigkeit im Umgang mit Wörtern und Begriffen, weil da einer die Sprache ernster nimmt als wir; und jene Empfindsamkeit, die selbst in den schmutzigen Tagebüchern reine Poesie hervorbringt.

Dies bedenkend hätten wir also die Vokabel „faschistisch“ vom Tisch? Ja, die Vokabel sicherlich, aber auf die kommt es letzten Endes nicht an. Wir können an der Tatsache nicht vorbei, daß sich Brinkmann in jeder Hinsicht am Rand eines Abgrunds entlanggetastet hat: Als Schriftsteller am Rand des Verstummens, als Mensch am Rand der Selbstzerstörung und als Zeitgenosse am Rand des politischen und geistigen Amoks.

Diese Randbewegungen sind die Bedingung von Brinkmanns unbestreitbarer Qualität, unvermeidlich aber sind sie auch ein „Faszinosum“. Es hat in der linken tageszeitung kürzlich einen mörderischen Streit zwischen verschiedenen Fraktionen darüber gegeben, daß ein freier Mitarbeiter des Blatts geschrieben hatte, eine Diskothek sei „gaskammervoll“ gewesen. Einige Redakteure verteidigten das Recht, derartiges in der taz schreiben zu dürfen. Und einige beriefen sich darauf, auch Brinkmann habe seinerzeit eine Diskothek mit einer Gaskammer verglichen.