Professoren nennen es ein „Jahrhundert-Ereignis der Theologie“: Ein Außenseiter beschämt die ganze Zunft, indem er einen hundertjährigen Irrtum über die Romfahrt des Apostels Paulus widerlegt. Dafür wurde er zum Doktor promoviert – ein einzigartiger AktPaulus war nie auf Malta

Bibelkarteii und gängige Übersetzungen der Apostelgeschichte müssen nun revidiert werden

Von Agnes Seppelfricke

Theologen und zahllosen christlichen Laien ist bekannt, daß der Apostel Paulus während seiner letzten Reise, der Fahrt nach Rom, vor einer Insel Schiffbruch erlitt und auf ihr überwinterte. Schon in Zeiten, da die Methode historisch-kritischer Exegese der biblischen Schriften noch unbekannt war, bemühte man sich, die Insel namens „Melite“ (Apostelgeschichte 28,1) zu identifizieren, an der Paulus und seine Begleiter im Herbst des Jahres 59 nach Christus zwischen Kreta und Sizilien gestrandet waren. Seit nunmehr einem Jahrhundert waren sich die Theologen aller Konfessionen einig, daß es sich um Malta handelt (während man im Mittelalter noch die süddalmatinische Insel Mljet favorisierte).

Malta rühmt sich, die Insel des Völkerapostels zu sein: Nicht nur Kathedralen, Kirchen und Katakomben, auch Straßen, Plätze und Feste heißen heute nach Paulus, und ein riesiges Marmorstandbild des Apostels überragt die St. Paul’s Bay. Die 1900jährige Wiederkehr des Tages, an dem Paulus Schiffbruch erlitt, wurde sogar von der Katholischen Kirche prachtvoll gefeiert.

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Nun bestreitet jemand die etablierte Malta-Theorie und weist detailliert und schlüssig nach: Paulus strandete auf der westgriechischen Insel Kephallenia. Insbesondere die Neutestamentler horchten auf, was ihnen der 35jährige Heinz Warnecke, dieser akademische Außenseiter und wissenschaftliche Autodidakt ohne Abitur, der sich selber am ehesten als historischen Geographen versteht, zu sagen hatte. Wegen seiner sensationellen Arbeit wurde Warnecke inzwischen auf Fürsprache namhafter Professoren mittels einer Ausnahmegenehmigung an der Universität Bremen zum ordentlichen Dr. phil. promoviert. Seine Dissertation mit dem Titel „Die tatsächliche Romfahrt des Apostels Paulus“ wurde 1987 als Monographie vom Katholischen Bibelwerk verlegt (Band 127 der angesehenen „Stuttgarter Bibelstudien“). Im Geleitwort des auch für Laien fesselnd geschriebenen, 164seitigen Buches gesteht der evangelische Paulus-Spezialist Professor Alfred Suhl (Münster), Warnecke habe „einen wegweisenden Beitrag“ für die neutestamentliche Wissenschaft geleistet, der „auch Experten zu beschämen vermag“.’ Und der Bibel- und Religionswissenschaftler Professor Hermann Schulz (Bremen), der als Doktorvater von Warnecke fungierte, hält „die in der Forschung festverankerte Malta-Theorie durch die Arbeit Warneckes für definitiv widerlegt“.

In ungewohnter Eile erschienen schon nach wenigen Monaten die ersten in- und ausländischen Rezensionen, die zeigen, daß die Kephallenia-Theorie im Sturm die Wissenschaft erobert. In Griechenland ist der überraschende Sturz der Malta-Theorie bereits durch Zeitungsartikel und Rezensionen angesehener Theologen einer größeren Öffentlichkeit bekannt – zur besonderen Freude der westgriechischen Kephallenen, die von Warneckes Entdeckung am meisten profitieren werden. So verwundert es nicht, daß Warnecke, als er in diesem Sommer mit seiner Mutter Kephallenia besuchte, vom Exarchen und Metropoliten der Insel zum festlichen Gastmahl geladen und mit einem offiziellen Empfang im erzbischöflichen Palais und einer Heiligen Messe im prächtigen Kloster des Inselheiligen Gerasimos geehrt wurde.

Doch zurück zu Paulus: Der Apostel mußte, bewacht von dem römischen Hauptmann Julius, von Caesarea (Palästina) nach Rom reisen, um üüsich vor dem kaiserlichen Gerichtshof gegen die Anschuldigungen der Juden zu verantworten. Bis Kreta ist jede Station dieser Seereise problemlos zu rekonstruieren. Die Irrfahrt des Paulus und damit das Itinerar-Problem der Exegeten beginnt, als das Schiff Südkreta verläßt, um einen zum Überwintern geeigneten Hafen namens Phoinix zu erreichen. Warnecke stieß auf dieses Problem, weil er sich seit Jahren mit der homerischen Geographie und der Identifizierung des Ithaka der „Odyssee“ beschäftigt.

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