Von Ulla Plog

Im Frühjahr 1972 bewirbt sich eine ungewöhnlich gut aussehende junge Frau um eine Lektorenstelle am Romanischen Seminar der Freien Universität in Berlin. Minirock. Stiefel, die langen dunklen Haare reichen bis über die Schultern – so stellt sich die 22jährige Französin dem Auditorium vor. Noch heute weiß Annie Cohen-Solal nicht, ob sie die anderen 39 Kandidaten aus dem Felde schlug, weil sie vorzüglich ausgebildet war und über das richtige Diplom einer Dozentin für Französisch als Fremdsprache verfügte. Oder ob es ihr Auftritt war.

Als die Literatursoziologin fünfzehn Jahre später mit einer brillanten Biographie über den französischen Philosophen und Schriftsteller Jean-Paul Sartre die internationale Bühne betritt, ist das Publikum sogleich wieder hingerissen. Kaum ein Verleger, der nicht Sartres Adoptivtochter Arlette Elkaim zitiert, eine Biographin wie Annie Cohen-Solal hätte sich Sartre gewünscht – jung und gutaussehend. Kaum ein Interviewer, dem nicht ihre großen grünen Augen und die kurzen Röcke aufgefallen wären. Eine Frau, die Wissenschaft allererster Güte mit Glamour verkauft, eine Schriftstellerin, überaus gesehen und schön, lieben die Medien. Setzt sie darauf? „Es ist schließlich der Vorteil der Frauen“, Annie Cohen-Solal lacht, hebt die Schultern und ist schon beim nächsten Thema. Am liebsten beim übernächsten. „Als ich ein Kind war“, rattert sie los, „habe ich alle mit meiner Energie jenem, immer war ich zu schnell, zu ungeduldig. Plötzlich aber ist sie ein positives Element, und in der amerikanischen Presse reden alle davon.“ Das Feld, die Energie zu erproben, ist groß geworden – ungefähr so groß wie der Globus.

„San“ – 1905 bis 1980“ ist zu einem internationalen Bestseller geworden, und Annie Cohen-Solal genießt die Vorstellungstouren, liebt den raschen Wechsel, den besonders: an einem Abend Gespräche mit Soziologen, am nächsten mit Feministinnen. mal kurze Sätze im Radio, mal lange Diskussionen auf einem Symposion. Vor einigen Wochen hat sie in Südamerika ihr Buch auf Spanisch präsentiert, nächsten Mittwoch wird sie im englischen Fernsehen diskutieren. Heute, beim Gespräch in Hamburg, ist sie so intensiv und so präsent, als gäbe es nur diesen einen Termin. Sie redet mal auf Französisch, mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Von ihr aus könnte es auch Italienisch, Hebräisch, Jiddisch oder Arabisch sein.

Wo ist sie zu Hause? Geboren 1948 in Algier, Gymnasialjahre und Studium in Paris, wohin der Vater, ein Chirurg, während des Algerienkriegs mit der Familie gezogen war, dann Dozentenstellen an den Universitäten von Berlin, Jerusalem und Rouen. „Ich bin schon froh“, kommt statt einer Antwort, „daß Sie mich nicht gefragt haben, wo meine Heimat ist. Ich weiß nämlich nicht, was das bedeutet.“ – In ihrem Haus in Italien fühlt sie sich wohl. In Paris hat sie ihre Freunde und ein Appartement am Montparnasse. Zur Pariser Gesellschaft gehört Annie Cohen-Solal nicht. „Ich bin eine maghrebinische Jüdin französischer Nationalität“, sagt sie.

Als ein amerikanischer Verlag ihr Buch vor gut drei Jahren in Paris herausbrachte, war die Überraschung perfekt. Rechte wie Linke, Kommunisten wie Royalisten, glühende Verehrer des Existentialisten und seine ärgsten Gegner waren einverstanden. Und dann natürlich Annie! Wer ist diese Frau, fragte man, die sich kurz nach Sartres Tod darangemacht hatte, eine, wie die Franzosen mit einem winzigen Unterton sagen, biographie „ l’américaine zu verfassen: eine faszinierende Lebensbeschreibung anhand unzähliger Fakten, Daten, Einzelheiten. Hat sie Sartre gekannt? „Als ich zwanzig Jahre alt war“, erzählt sie, „habe ich ihn einmal für eine wissenschaftliche Arbeit befragt.“ Sie war überrascht, wie klein er war – 157 Zentimeter wird sie in ihrem Buch nachtragen – und angetan von seiner großen Liebenswürdigkeit. „Ich hatte einen Professor erwartet und traf einen Freund. Ich hatte gedacht, er würde mir die Welt erklären, statt dessen begann er, mich zu fragen.“ Diese Wirkung Sartres einmal erfahren zu haben, hat ihr nachher beim Schreiben geholfen. Aber sein Leben hat sie wie eine Reporterin recherchieren müssen.

Daß sie, eine unbekannte Literaturwissenschaftlerin, den Auftrag zu einer Biographie bekam, hat viel mit ihrer Neugier, ihrer Energie, ihrer Doktorarbeit und jenen Qualitäten zu tun, die Kontaktwunder Annie seit der Szene im Berliner Audimax als „Strategie der Verführung“ beschreibt; Menschen für sich gewinnen, sie zum Sprechen bringen, ihnen das Gefühl geben, daß man sie nicht verrät. „Ich habe von Kindheit an eine große Leidenschaft für dir Geheimnisse des Individuums“, sagt sie ohne Angst vor Pathos, „und gerade die Erinnerung alter Menschen sind ein einzigartiger Schatz, die schönste Bibliothek der Welt – aber niemand öffnet die Bücher.“