Von William Safire

2. Januar 1989

Ist es möglich, daß die „guten Deutschen“ wieder einmal am Werke sind – und so tun, als ob sie nichts von der Beteiligung einiger ihrer Landsleute an den Plänen eines verrückten Diktators für seine eigene Art von Endlösung wüßten?

Sechs Monate lang haben westliche Geheimdienste Bilder und Bandaufnahmen untereinander ausgetauscht, die den Verdacht nahelegen, daß Muammar Ghaddhafi von Libyen mit Hilfe von wenigstens zwei westdeutschen Firmen eine Giftgas-Fabrik baut.

Als Präsident Reagan vor sechs Wochen im Weißen Haus mit seinem alten Bitburg-Partner Kanzler Kohl zusammentraf, machte er die Bundesrepublik direkt und offiziell auf diese Gefahr aufmerksam. Eine Untersuchung wurde zugesagt, aber man scheint es damit nicht sehr eilig gehabt zu haben.

Eine deutsche Entlastungskampagne, vermute ich, wird nun versuchen nachzuweisen, daß auch andere Länder zu der libyschen Anlage beigetragen haben, und daß die Fabrik vor den Augen geladener Inspekteure auch Kunstdünger produzieren kann. Kohls Vertuschungs-Beauftragte fahnden nach einem einzigen Maschinenteil, das in Amerika hergestellt ist, damit mitgeteilt werden kann: „Alle sind Schuld.“

Dabei sollte man erwarten, daß die gegenwärtige Generation von Deutschen, die sich der Schuld ihrer Väter am Vergasen von Millionen unschuldiger Menschen vor gar nicht langer Zeit bewußt ist, besonders empfindlich auf die Möglichkeit reagieren würde, Deutsche könnten einem terroristischen Staat beim Gasmord an Zivilisten in irgendeiner Weise helfen. Aber offenbar wollen allzu viele „gute Deutsche“ von der ganzen Sache einfach nichts wissen.