Die AsbestschuleSeite 2/5

Eingelagerte Auslagerung

Wie immer traf es zuerst die anderen. Sind wir bereit, einen Jahrgang der benachbarten, eben geschlossenen Gesamtschule aufzunehmen? Solidarität mit der Idee der Gesamtschule ist gefordert. Fremde Schüler, die Unruhe bringen. Verbeamtete Lehrerseelen erheben warnend ihre Stimmen. Der Gedanke der Notgemeinschaft siegt, der Leiter der Exilschule dankt mit bewegten Worten. Zum Glück war er bei den Diskussionen nicht anwesend. Raumpläne, Aufsichtszeiten, Stundenpläne werden geändert, die ersten Vorboten. Fünfmal wird alles verändert, fünfmal in einem Jahr. Man gewährt Asyl, und erst dann wird in der eigenen Schule gemessen. Der Anfang einer Mischung aus dienstanweislichem Schildbürgergeist, machtvollem Sitzfleisch und finanzieller Kurzsichtigkeit. Das Ergebnis der Messungen: Die Werte liegen höher als in allen anderen Schulen.

Die Turnhalle wird geschlossen. Blauasbest um die Träger über der Mediothek und der Mensa. Die beiden Bereiche sollen abgedichtet und während des Unterrichts teilsaniert werden. Die Gefahr bleibt unfaßbar, der Asbest unsichtbar. Zahlen auf Papier: 20 000 Fasern, 2000 Fasern, 200 Fasern. Broschüren werden verteilt, sachliche Information über Langzeitwirkung, Krebsgefahr. Keuchende Lungen in der Sporthalle, vier Jahre gesunder Sport, für die Begabten sieben Jahre lang. Mensaessen, auf das Montag bis Freitag durch die Löcher der Schalldämmplatten der Asbest rieselte. Türenschlagen, Tanzveranstaltungen, Theateraufführungen – jede Erschütterung löste einen Asbestregen aus. Er bleibt unsichtbar.

Einigen Lehrern gelingt es, in den abgesperrten Bereich zu gelangen. Die Deckplatten sind entfernt. Blaue, eineinhalb Meter dicke Röhren, zerfressen, zerbröselt, riesige Löcher, herausgebrochener Asbest, jahrelang fein säuberlich auf die Speisekarte verteilt. Niemand ist verantwortlich, niemand kann gesundheitliche Schäden nachweisen, die Phantasie hat Grenzen, die Rechtsprechung ohnehin.

Wir müssen weitermachen, Konsequenzen ziehen. Die Planung der Auslagerung erfordert männliches Zusammenstehen und Trümmerfrauenmentalität. Auf Anweisung der Schulleitung werden die Bücher aus der Mediothek in Sicherheit gebracht. Jeder schleppt Kisten mit Lektüre, ameisengleiche Schüler- und Lehrerschlangen verteilen den Asbest in den Räumen. Tage später wird die Schule endgültig geschlossen. Die Bücher müssen zurückgelassen werden. Zur Entsorgung.

Glückliche Tage

Tränen in den Augen der Kollegin. Seit acht Jahren fährt sie denselben Schulweg. Nun muß sie an vier verschiedenen Schulen, Standpunkte genannt, unterrichten. Der Stundenplan ist nur mit einem Auto einzuhalten, die Kinderfrau protestiert gegen den neuen Zeitplan, so war es nicht abgemacht. Und dann treffen wir uns nach Wochen an der Currywurst-Bude, zwischen den Standpunkten, den Taxifahrern und Verkäuferinnen, und es geht uns gut. Erzählungen von neuen Lehrerzimmern, kleinen, brüllenden Grundschuldirektoren, die ihre vorwiegend weiblichen Lehrkräfte tyrannisieren, heimlichen Rauchernischen, eitlen, auf den Fußspitzen wippenden Naturseide-Schulleitern, bewundert und vergöttert, und wir können darüber lachen. Es berührt uns nicht.

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