Cacela und Manta Rota sind zwei kleine Orte an der Südküste Portugals, östlich von Faro zwischen Tavira und Vila Real de Santo Antonio gelegen. Um es gleich vorwegzunehmen: So spektakulär aus dem Wasser emporragende Felskolosse wie die von Lagos im Westen, millionenfach auf Hochglanzpapier reproduziert, kann die Landschaft um Cacela und Manta Rota nicht bieten. Hier ist die Natur leiser: Sie verspricht weniger als die berühmte „Praia da Rocha“, der „Felsenstrand“ im Westen, und hält doch mehr als die zubetonierten Küsten von Albufeira oder Quarteira. Die in Dünen zum Meer hin auslaufende Hügellandschaft der östlichen Algarve ist weniger bizarr, weniger aufregend, dafür melancholisch und idyllisch: eine pastellfarbene Landschaft der langen, sanften Schwünge und nicht der dramatischen Perspektiven, eine Landschaft, die weniger zum Staunen als zum Träumen anregt, eine Landschaft in Moll, wenn man so will.

Zwischen Cacela und Manta Rota, die wie zwei ungleiche Schwestern wirken, erstreckt sich eine Pfirsichplantage. Sie bildet die schmale Grenze zwischen dem alten, traditionellen Portugal am südwestlichen Ende der europäischen Welt und einem Stück modernen Portugals, das, weil es den Tourismus angenommen hat, mitten in Europa zu liegen scheint, gleich neben Rimini, Las Palmas oder Rhodos. Orte wie Manta Rota gibt es tausendfach auf der Welt: kulturelle Niemandsländer, Relaisstationen des populären Aberglaubens nördlicher Büromenschen an die wundersamen Wirkungen eines Ortswechsels in südliche Gefilde.

Das einzige, was Manta Rota hervorhebt und faszinierend macht – faszinierend allerdings in einem pathologisch angehauchten Sinn –, ist seine unmittelbare Nachbarschaft zu Cacela, jenem stillen Flecken jenseits der Pfirsichbäume, so wie seinerseits Cacela vornehmlich aufgrund des Kontrastes zum nachbarlichen Trubel an Interesse gewinnt. Cacela, das ist die Vergangenheit und Manta Rota die Zukunft. Beide zusammen und miteinander verglichen rufen bei manchem Betrachter zwiespältige Gedanken an einen unseligen Konflikt wach, den der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss einmal in folgende Worte faßte: „Das soziale Leben besteht darin, das zu zerstören, was ihm Würze verleiht.“ Dies etwa ist es, was der Wanderer zwischen den Welten von Cacela und Manta Rota fühlt. Und er fühlt auch, daß er selbst unweigerlich ein Teil dieser Zerstörung ist.

Manta Rota hat Hotels, Pensionen, Restaurants, Snackbars, einen Supermarkt, Souvenirläden, Zeitungskioske mit internationaler Presse, Umkleidekabinen, eine Erste-Hilfe-Station und jede Menge Hinweisschilder zum Strand: „par praia“. Einen Friedhof hat Manta Rota, die lebenslustige, geschäftstüchtige Urlaubsplattform, nicht. Wozu auch? Touristen sind in aller Regel unsterblich, und die Alten von Manta Rota gehen zum Sterben rüber nach Cacela. Das ewige Leben liegt, von Manta Rota aus gesehen, also jenseits der Pfirsichgrenze, in Cacela, dem Hort des Stillstandes.

Die Toten achten dort, im Gegensatz zu den Lebenden von Manta Rota, auf Exklusivität. Der Friedhof von Cacela, hinter einer Reihe geduckter, ineinander verwachsener Häuser und oberhalb der steil zum Meer und den Dünen hin abfallenden Schutzmauer gelegen, ist Tag und Nacht verschlossen. Er gleicht beinahe einer Festung. Dem sich hierher verirrenden Touristen bleibt nur der verstohlene Blick durch die Gitterstäbe der Eingangspforte in dieses von Sonne überflutete Totenreich. So sieht er nur wenig von den sorgfältig gepflegten, schneeweißen kleinen Mausoleen, die sich im Blick nach Westen, übers weite Meer hin, mit einer gleißenden Unendlichkeit vermählen.

Beerdigt werden die Toten normalerweise am späten Nachmittag, wenn auf der anderen Seite der Pfirsichgrenze, auf der Seite des Lebens, gerade die Badeanzüge den etwas wärmeren Baumwollpullis weichen müssen und die Gedanken dem bevorstehenden Abend gelten. Die Kneipe neben der weiß gekalkten Kirche von Cacela ist überfüllt. Dort stehen sie zusammen, trinken, schwatzen und warten auf den Pfarrer. Es überwiegen die Alten. Ihre vom Wind und von harter Feldarbeit gezeichneten Gesichter lachen. Auch Cacela ist ein Ort des Lebens, ein Ort der Freude.

Man muß die zwei oder drei Kilometer von Cacela nach Manta Rota mehrmals hin und zurück gegangen sein, um die Eigenarten der Menschen lüben wie drüben zu begreifen. Anfangs scheint es, als fehlten in Cacela nur die lauten Fremdlinge aus dem Norden. Erst mit der Zeit fallen einem die unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf, die in den beiden Orten herrschen. Manta Rota hat die altehrwürdige Grandezza der Langsamkeit eingetauscht gegen flinke Unterwürfigkeit und einen behenden Service an König Kunde. Man befindet sich hier immer auf dem Sprung wie die übereifrigen Kellner der Strandrestaurants, die wie Motten die Tische umtanzen.