Berliner Parteigänger frohlocken: „Wie der Phoenix aus der Asche“ sei Franz Schönhuber mit seinen Republikanern aufgestiegen. Noch weiter rechts, aber mit philosophisch verbrämten Aussagen geriert sich die FAP. Derweil wurde die Nationale Sammlung des Michael Kühnen verboten.Alte Parolen, neue Parteien

Gegen Asylbewerber, Gastarbeiter und Aussiedler: Heil ohne Hitler?

Pausenlos klingeln in dem engen, dunklen Ladenraum im Berliner Außenbezirk Spandau die Telephone. „Das hört überhaupt nicht mehr •auf“, triumphiert Carsten Pagel. Fiebrige Erregung des Siegers rötet die blasse Haut des 26jährigen Chefideologen der Berliner Republikaner. Hektische Geschäftigkeit füllt die beiden ehemaligen Lagerräume einer Bäckerei: Interview mit der Reporterin des Wall Street Journal: „Wo waren wir stehengeblieben?“ Dänisches Fernsehen am Apparat: „Ja, kommen Sie doch vorbei.“ Live-Diskussion im Dritten Programm: „Bereits im Terminkalender notiert.“

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Vierzehn Tage nach dem Senkrechtstart der Republikaner von null auf 7,5 Prozent reißt der Ansturm auf das Parteibüro nicht ab. Aus allen Stadtteilen kommen sie angereist: Der Schnauzbärtige in der Nappaleder-Jacke; der New-Look-Brillantierte, Kamm in der Gesäßtasche; das Berliner Blondie in weißen gefransten Stiefeletten und stramm sitzenden Röhrenjeans; der Oberschüler im Tenchcoat; das nette Mädchen aus dem Geschäft von nebenan. Die Freunde der neuen „Bewegung“. Schüchtern sind die meisten, sie zögern einen Moment, um dann beherzt einzutreten, wollen Informationsmaterial, die dunkelblaue Parteikrawatte oder die Anstecknadel mit den schwarz-rot-goldenen Rauten mitnehmen, oder einfach „dabeisein“, „mithelfen“. „In Knobelbechern werden Sie hier niemanden treffen“, frohlockt der alerte Ideologe Pagel.

Mit den Worten „das ist eine echte Volksbewegung“, genießt es auch Peter Rieger, der Bürovorsteher, „getragen von der Bevölkerung“ ins Abgeordnetenhaus zu ziehen. „Wir sind nur das Sprachrohr“, fügt der frühpensionierte Justizvollzugsbeamte bescheidener hinzu, „eigentlich nobodies.“ Aber diese Niemande haben Konjunktur. Ununterbrochen nimmt der Republikaner an dem furnierten Wohnzimmertisch Aufnahmeantrag um Aufnahmeantrag entgegen. Wie viele es in den vergangenen Tagen genau waren, kann er „nun wirklich nicht sagen“. Von 200 auf mehr als tausend Mitglieder ist der Ortsverein inzwischen gewachsen.

Auch Detlef Vogt wittert in dem verqualmten Laden Morgenluft: „So ’ne kleine Bude, dat imponiert mir.“ Der fünfzigjährige Heizungsmonteur ist mit dem Rennrad gekommen. Er hat überhaupt das erste Mal gewählt. „Vorher war von den Alliierten in Berlin ja alles verboten.“ Der Hüne mit der Pudelmütze mustert anerkennend das Sperrmüllinterieur, die schwarz-rot-goldene Flagge über der vergilbten Strukturtapete, daneben das Portrait des Parteivorsitzenden Franz Schönhuber. „In Erinnerung an einen denkwürdigen Tag – 20.8.86“, hat der bekennende SS-Unterscharführer und Bestsellerautor das Photo mit schwungvoller Handschrift gezeichnet; das Gründungsdatum der Berliner Republikaner. „Dem seine Sprüche gefallen mir“, sagt Vogt. Zusammen mit Schönhuber würde er gern einen Feldzug antreten, gegen die Asylanten aus Sri Lanka, „die mittags noch im Bett liegen und Video gucken“; gegen die Lehrer, die „immer nur studieren und jetzt die Steuergelder verprassen“; gegen die „Staatsverschuldung“ und gegen den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde. „Wenn die sagen, das ist eine Polizistenpartei, komm’ ich als Arbeiter auch dazu.“ Sofort bietet er an, sein Haus für die nächste Versammlung zur Verfügung zu stellen. Doch 200 Leute, allein in seinem Stadtteil, da muß er achselzuckend passen.

Auch ein sympathisch wirkendes Paar, Dagmar und Peter, nimmt an dem langen Tisch Platz. Sie wollen beitreten. Mit Sekt hätten sie zu Hause vor dem Fernsehapparat im Freundeskreis das Wahlergebnis gefeiert. Mindestens zwanzig Stimmen habe Peter allein für die Republikaner gesammelt. Er streicht zufrieden über seinen blonden Dixiland-Backenbart. „Früher war ich SPD-Mann – sechs Jahre lang.“ Zu den Sozialdemokraten fällt ihm heute nur noch eines ein: „Überschrift Filz, will ick mal sagen.“ Und die CDU sei für ihn als Arbeiter doch nicht wählbar: „Privatisierung? Das ist doch wohl das letzte, meinen Arbeitsplatz an die Spekulanten geben.“ Der ist dem Kraftfahrer im Öffentlichen Dienst noch sicher. Sie sind das dritte Paar, das an diesem Tag bei den Republikanern um Aufnahme ersucht, Anfang dreißig, Kinderwunsch und seit dreieinhalb Jahren auf der Suche nach einer neuen Wohnung. „Zwei Zimmer, Erdgeschoß, direkt an der Kreuzung, selbst im Sommer in der Mittagszeit elektrisch Licht, das hält man doch nicht aus. Die Vermieter kriegen doch Tausende von Mark, damit sie überall Aussiedler reinsetzen.“ Dagmar, keineswegs still im Hintergrund, versetzt mit einer heftigen Kopfbewegung ihre Modeschmuck-Ohrringe in Pendelbewegungen: „Erst einmal sollten doch die eigenen Leute untergebracht werden.“ Sogar ihre Eltern, die früher immer SPD gewählt haben, hätten diesmal ihre Stimme den Republikanern gegeben. „4000 Mark Bestechungsgelder haben wir geboten“, sie ärgert sich noch immer über den Mann von der Wohnungsbaugesellschaft. „Abgeblitzt, der hatte seine Anweisung, erst Aussiedler aufzunehmen.“ Jetzt, glauben die beiden, hat sich für sie „endlich einmal eine Stimme erhoben“. Und da wollen sie, „als einfache Verdiener auch einen kleinen Obolus entrichten“. „Was die Republikaner sagen, das ist keine Ausländerhetze“, nimmt Peter seine neuen Parteifreunde in Schutz, „das ist das, was wir schon lange denken.“ Nein, mit den Nazis wollen sie nichts zu tun haben, „dann sind wir hier sofort wieder weg“. Sie haben einmal eine NPD-Veranstaltung in Helmstedt erlebt, wo sie ihren Wohnwagen stehen haben: „Dat war uns nüscht. Dat sind doch alles Chaoten.“ Nein, sie möchten nicht, „daß das noch einmal so wird“.

Ob es denn auch so etwas wie ein Parteiprogramm gäbe, möchte Peter „schon ganz gern mal wissen“. „Das bekommen Sie dann mit der Mitgliedskarte zugeschickt“, erklärt vertrauenerweckend Peter Rieger und nimmt beide Beitrittserklärungen entgegen. Zu den Aussiedlern hat er „noch keine Position“. – „Da lassen wir die Basis auf uns wirken.“

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