Edith Wharton: Das Haus der Freude

Auf jenen Roman, der der amerikanischen Schriftstellerin Edith Wharton (1862-1937) den großen Durchbruch brachte, trifft die ominöse Frage der Hauptgestalt, Miss Lily Bart, nun gar nicht zu: „Amerikana sind wahrscheinlich entsetzlich öde?“ Im Gegenteil: man stellt sogar in diesem Gesellschaftsroman der Jahrhundertwende Parallelen zu den Stereotypen heutiger Denver- und Dallas-Epik fest – anders als dort jedoch führt Edith Wharton mit psychologisch feinfühliger Beobachtungsgabe und in einer an französischen Vorbildern geschulten, nuancierten, zuweilen manierierten Prosa echte, glaubwürdige Menschen einer unterhöhlten New Yorker High-Society vor Augen.

Was Wunder: die Wharton hat dieser, ihrer eigenen Welt, in der Reichtum alles bedeutete, ins Herz geschaut. Noch im Vorfeld wirklicher Sozialkritik erzählt sie die anrührende Geschichte des gesellschaftlichen Abstiegs der Lily Bart, eines jener weiblichen Luxusgeschöpfe, die die monetären Gesetze und die geschlechtsspezifischen Spielregeln ihrer gesellschaftlichen Klasse zwar durchschauen, sich ihnen aber dennoch nicht zu entziehen vermögen. Im Zuge einer jüngsten Wharton-Renaissance ist „The House of Mirth“ (Reclam Verlag, Stuttgart 1988; 479 S., 15,60 DM) jetzt erstmalig ins Deutsche übersetzt worden.

Dieter David Schob

John Höxter: Ich bin noch ein ungeübter Selbstmörder

John Höxter, dessen Werk ( herausgegeben von Karl Riha und Franz-Josef Weber; Postskriptum Verlag, Hannover 1988; 112 S., 19,80 DM) schmal geblieben ist, sah sich selbst als Künstler des Lebens: „Die Werke, die man von mir hätte erwarten dürfen, sind nie gereift – wohl aber mehrten sich gerade in den letzten Jahren die Stimmen, die mein ganzes Dasein als solches beispielhaft und künstlerisch-philosophisch als eine fortwirkende Legende empfinden.“

Der 1884 geborene Höxter lebte vorwiegend in Berlin, wo er gewissermaßen als Inventar der Boheme-Lokale galt. Das „Café des Westens“ oder das „Romantische Café“ waren ihm Heimat und Einkommensquelle zugleich. Hier bettelte er die zahlreichen Freunde und Bekannten um etwas Geld an – Geld, das er in erster Linie für das Morphium benötigte. Doch nicht daran ging er letztlich zugrunde, sondern am „Machtrauschgift“ des Dritten Reichs. Höxter, dem als Jude der Cafehaus-Besuch und damit die Existenz verboten wurde, endete 1938 durch Selbstmord.