Der Fall Rushdie oder: Keine Toleranz für Intoleranz

Von Theo Sommer

Stellen wir uns vor: 1963, als Rolf Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“ in der Bundesrepublik uraufgeführt wurde, hätte der Papst den kritischen Autor in Acht und Bann getan, für vogelfrei erklärt und jedem ein Kopfgeld in Millionenhöhe ausgelobt, der den mißliebigen Dramatiker samt Verleger, Regisseur und Darsteller vom Leben zum Tode befördere. Vor den Bonner Botschaften in den katholischen Ländern hätten Zigtausende mit Haßgebrüll und Steinwürfen demonstriert. Der Nuntius in der Bundeshauptstadt hätte erklärt, er sei bereit, den Mordbefehl selber auszuführen; ein Gemeindevorsteher hätte proklamiert: „Baumeln muß er!“ Hochhuth, entsetzt und in Todesangst, hätte öffentlich bedauert, daß er den Katholiken aller Welt Kummer bereitet habe; gleichwohl wäre das Todes-Edikt bekräftigt worden: „Zur Hölle soll er fahren!“

Unvorstellbar? Gewiß, jedenfalls 1963. Fünfhundert Jahre früher wohl kaum: Da wütete noch die Inquisition, die Bücher verbrannte und Menschen; wer sich nicht unterwarf, verfiel dem Tode; noch Martin Luther wurde als Ketzer vom Reichstag in Worms für vogelfrei erklärt, und Galileo Galilei mußte 1633 widerrufen, was ihm die Kraft seiner wissenschaftlichen Erkenntnis eingegeben hatte. Toleranz gegenüber Andersdenkenden? Lange Zeit war sie eher eine Tugend aufgeklärter Moslems: Sie predigten jene Duldsamkeit, die im christlichen Abendland erst Jahrhunderte später zum verbindlichen Prinzip wurde. Damals dachten die Anhänger des Propheten modern; die Christen waren noch der Vor-Moderne verhaftet.

Es geht um unser Wertsystem

Die Zeiten haben sich gewandelt. Heute liegt der Hort der Unduldsamkeit im iranischen Ghom, wo der eifernde Ajatollah Chomeini residiert. Er hat den Schriftsteller Salman Rushdie – einen britischen Bürger moslemisch-indischer Abkunft – mit dem Bannstrahl belegt, hat einen pauschalen Hinrichtungsbefehl ausgesprochen und eine Millionen-Belohnung für jeden aussetzen lassen, der den Mordaufruf befolgt. Sein Botschafter beim Vatikan war es, der öffentlich bekannte, notfalls wolle er selbst den Dolch führen. Und es war wiederum der Imam, der Rushdies Reuebekundung beiseite fegte: Und wenn er der frömmste Moslem aller Zeiten würde, zur Hölle müsse er trotzdem geschickt werden.

Anlaß des Aufruhrs ist der Roman „Die satanischen Verse“. Im Kern freilich hat der Streit, den er auslöste, mit dem intellektuellen Anspruch des Werkes und seinem literarischen Wert nichts zu tun; darüber läßt sich unter Kennern (und Nichtkennern) trefflich streiten. Vielmehr geht es um fundamentale Fragen des westlich-demokratischen Selbstverständnisses. Wollten wir uns um die Antworten darauf herumdrücken, wir gäben unser ganzes Wert- und Weltsystem preis.

Da ist zunächst die Frage, welche Art und welche Intensität von Einmischung in unsere Angelegenheiten wir dem Greis vom Ghom eigentlich durchgehen lassen können. Schlimm genug, was er im eigenen Lande anrichtet; die Autokratie des Schahs wirkt im rückschauenden Vergleich mit Chomeinis blutrünstiger Theokratie wie eine aufgeklärte Herrschaft. Aber das ist, so sehr sich uns beim Gedanken daran das Herz zusammenkrampfen mag, in erster Linie Sache der Iraner. Wir mögen das mörderische Regime des Ajatollah beklagen; ändern können wir es nicht. Indessen ist es unsere Sache, dem Imam einen Riegel vorzuschieben, wenn er seine verschrobenen Ansichten mit Menschenmord auf unserem Gebiet durchzusetzen versucht. Chomeini ist ja nicht nur der Führer der schiitischen Perser, er ist faktisch auch ihr Staatsoberhaupt. Die Verfolgung dessen, was er für Blasphemie hält, auf fremdem Boden, ist ein Bruch des Völkerrechts, der Mordbefehl eine Bedrohung des Friedens im Sinne des Artikels 39 der UN-Charta. Dagegen müssen sich alle freien Staaten zur Wehr setzen.

Nach anfänglich bloß verlegenem Hüsteln hat sich die europäische Diplomatie inzwischen einen Ruck gegeben; bravo. Die Botschafter der EG-Staaten, soweit überhaupt noch in Teheran vertreten, werden abgezogen, hochrangige Kontakte eingestellt; Bonn suspendiert den Vollzug des jüngst erst geschlossenen Kulturabkommens. Dies kann jedoch nur die erste Stufe der europäischen Gegenwehr sein.

Wenn die Morddrohung nicht alsbald aufgehoben wird, müssen die Schrauben weiter angezogen werden: keine Visen für Privatreisen iranischer Beamter; Einstellung des Flugverkehrs; Kaufstopp für iranisches Erdöl; Verweigerung jeglicher Anleihen, um die der Iran ersuchen mag; sofortige Beendigung aller Waffenlieferungen. Und würde tatsächlich der Versuch unternommen, den Mordbefehl des Imam zu vollstrecken, so bliebe dem Westen auch der letzte Schritt nicht erspart: der Abbruch, was immer der Preis, sämtlicher Handels- und Wirtschaftsbeziehungen und die internationale Ächtung des Ajatollah-Regimes.

Sicherlich müssen die Europäer ein Interesse daran haben, den gemäßigten Elementen in Teheran – Rafsandschani, Montazeri, Velajati – den Rücken zu steifen. Dies wäre jedoch schwerlich dadurch zu erreichen, daß Westeuropa vor der Fraktion der Rabiaten kuscht. Es geht nicht um die Demütigung der Bigotten, es geht um die Verteidigung jener Meinungs- und Gedankenfreiheit, aus der unser System lebt.

Damit sind wir bei der zweiten Frage, die der Fall Rushdie aufwirft. Gedankenfreiheit zu verteidigen, ist auch eine Sache der Staaten, doch sie kann nicht allein deren Sache sein. Jedenfalls wirkt es mehr als merkwürdig, wenn ausgerechnet jene, die sonst jedes Tätigwerden der Obrigkeit scheelen Auges verfolgen, nun nach dem Büttel rufen, selber aber erschrocken die Flinte ins Korn werfen. Es reicht nicht, Beifall zu klatschen, wenn Schillers Marquis Posa auf der Bühne Gedankenfreiheit fordert; Rückgrat muß schon sein.

Nicht jeder ist zum Helden geboren; und es soll niemandem ein Vorwurf gemacht werden, weil er sich lieber aus der Schußlinie zurückzieht. Dabei mag dahingestellt bleiben, ob schlotternde Angst oder fürsorgliche Erwägung zugunsten von Mitarbeitern die Entscheidung bestimmt. Letzteres zumindest hätte seine Raison und Rechtfertigung; und viele Verleger in der westlichen Welt haben sich darauf herausgeredet. Da möchte manch einer sich ein bißchen mehr Mannesmut vor Mullah-Thronen gewünscht haben; aber es kann ja auch keiner zum Heldentum verdonnert werden.

Windelweich, feige, erbärmlich ist es freilich, selber die Flinte ins Korn zu werfen und zugleich zu verhindern, daß Mutigere sie aufnehmen. Dies schien die ursprüngliche Haltung des Verlegers von Kiepenheuer & Witsch zu sein. Zunächst jedenfalls verzichtete Reinhold Neven DuMont darauf, Rushdies „Satanische Verse“ zu veröffentlichen, nannte es aber – laut FAZ – gleichzeitig „undenkbar“, daß ein Autorenkollektiv das Werk herausgebe; sein Verlag besitze schließlich die deutschsprachigen Rechte. Kein Risiko also, aber auch, für alle Fälle, kein Verzicht? Da paarte sich Verzagtheit mit tumbem Krämergeist – eine unerquickliche Kreuzung.

Mit dem Herz in der Hose läßt sich die Freiheit des Wortes nicht verteidigen. Wenn nicht einmal jene Mumm zeigen, die vom Wort leben und die an das Wort glauben – wer sollte sich dann stark machen für die Freiheit des Geistes, der Imagination, der Gedanken? Wo kämen wir hin, wenn sich Morddrohungen als schärfste Form der Buchbesprechung durchsetzen sollten: als Instrument vorbeugender Druckverhinderung?

Diese Überlegung führt zu der dritten fundamentalen Frage: Wie können wir in einer Welt, in der jeder gedungene Mörder sein Ticket zum Tatort kaufen kann, wo auch in unserem Lande die Ableger vieler fremder Kulturen Wurzeln geschlagen haben, die eigenen Werte bewahren?

Eine säkularisierte Gesellschaft

Gegen Mord ist kein Kraut gewachsen; da helfen nur Wachsamkeit und entschlossene Härte. Jenen aber, die als Moslems zu uns gekommen sind, müssen wir mit gleicher Bestimmtheit sagen: Wir begrüßen alles, was sie an Verschiedenheit in unser Land tragen, nur gegenüber einem kann es keine Toleranz geben: gegenüber der Intoleranz.

Wer bei uns leben will, der muß sich diesem Grundgesetz unserer Gesellschaft beugen. Es ist eine Gesellschaft, die Dissens aushält, nicht unterdrückt; die Vielfalt hegt, nicht einebnet; die Wahrheit aus dem Disput der Gegensätze entstehen läßt, nicht jedoch verordnet. Es ist im übrigen eine säkularisierte Gesellschaft, in der längst der Gotteslästerungsparagraph zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft ist und weithin unter dem Kunstvorbehalt steht. Man mag es für geschmacklos halten, religiöse Empfindungen anderer zu verletzen; im Namen der Freiheit jedoch erdulden wir solche Verletzungen.

Die Bundesrepublik ist ein Einwanderungsland seit bald dreißig Jahren. Ob sie nun zum Schmelztiegel wird, in dem am Ende alle Unterschiede aufgehoben sind, oder zum multikulturellen Flickenteppich, der die Diversität bewahrt – an dem Prinzip „Keine Toleranz für Intoleranz“ dürfen wir nicht rütteln lassen. Wer es nicht anerkennen mag, soll anderwärts sein Unterkommen und Auskommen suchen; Fanatikern brauchen wir keine Zuflucht zu bieten.

Die Westeuropäer haben sich in langen Kämpfen dem ehedem totalen Unterwerfungs-Anspruch der heimischen Kirchen entzogen; sie können sich nun nicht einem Knebelungs-Ausspruch von Chomeinis Moral-Mafia unterwerfen. Die Freiheit des Protests ist jedem eingeräumt – aber sie ist nicht mehr als die Freiheit, dem Argument das Gegenargument entgegenzusetzen; Andersdenkende im rationalen Disput zu überzeugen; Bestürzung im Austausch der Meinungen kundzutun.

Todesdrohungen sind dafür kein Ersatz. Die Ajatollahs werden dies, mit einigem Verzug, ebenso lernen müssen wie vor ihnen die christlichen Hierarchen.