Von Reinhard Merkel

Unter den nicht datierten Tagebucheintragungen Robert Musils aus den dreißiger Jahren findet sich die folgende: „Lange vor den Diktatoren hat unsere Zeit die geistige Diktatorenverehrung hervorgebracht. Siehe George. Dann auch Kraus und Freud, Adler und Jung. Nimm noch Klages und Heidegger hinzu. Das Gemeinsame ist wohl ein Bedürfnis nach Herrschaft und Führerschaft, nach dem Wesen des Heilands.“

Das mag im Ganzen auf sich beruhen. Was aber Heidegger angeht, so trifft Musils Diktum etwas unbestreitbar Pathologisches im Motivhintergrund der vielleicht erstaunlichsten philosophischen Wirkungsgeschichte dieses Jahrhunderts. Wie geht das zu, daß seit mehr als fünfzig Jahren ein vielsprachiges und vieltausendfaches Echo einer Stimme zu antworten vermag, der auch das willigste Ohr über weite Strecken nichts anderes abhören kann als die hermetische Bauchrede eines säkularisierten Orakels?

Gerade damit muß es zusammenhängen. Am 21. Oktober 1950 schreibt Max Rychner aus Zürich an Carl Jacob Burckhardt: „Heidegger finde ich seit 22 Jahren immer wieder greulich und werde nun wohl dabei bleiben. Er ist die Gegenwelt zu Goethe und allem, was ich liebe ... Ein nicht abreissender Strom von Franzosen pilgert zu ihm; er spricht sein Abraxas mit ihnen und sie steigen, wie mir diese Woche zwei Zeugen versicherten, sogleich ein auf ihn; aber die Sprache ist nur eines der Verständigungsmittel. Sie wittern einander und fühlen sich einig von den Dunkelzonen des Sonngeflechts her.“

Zwischen dem 6. und dem 10. März fand in Madrid unter den Auspizien des dortigen Goetheinstitus, der Madrider philosophischen Fakultät und des französischen Kulturinstituts ein Symposion statt, das unter dem Titel „Martin Heidegger – Ludwig Wittgenstein: Die Grenzen der Philosophie“ Tiefe und Reichweite der beiden bedeutendsten philosophischen Gedankenkreise des 20. Jahrhunderts zu vermessen unternahm.

Was hiervon sachlich gelungen und was verfehlt worden ist, spielt eine geringe Rolle angesichts des jedenfalls bleibenden Verdienstes der Veranstalter: Im Jubiläumsjahr des hundertsten Geburtstages beider Denker die erste öffentliche Bühne geboten zu haben für die Selbstdarstellung jener rabiaten Geistesschwäche, die spätestens seit den Zeiten von Musils Tagebucheintrag auf die Rezeptionsgeschichte Heideggers einen finsteren Schatten wirft.

Am Abend des zweiten Symposionstages trat der Philosophieprofessor Jacobo Muñoz auf. In eineinhalb Stunden sagte er über sein Thema (Die Ethik bei Heidegger und Wittgenstein), was er zu sagen hatte: nichts. Doch es ging ihm ersichtlich um etwas anderes: um den Heidegger des Jahres 1933. Und jedesmal, wenn er diesen streifte, entkam die Diktion den Nebeln einer verblasenen Rabulistik und erhob sich zu deutlichem Pathos: Es sei abwegig, den Heidegger jener berühmten Rektoratsrede vom Mai 33, den Autor des späteren Satzes von der „inneren Wahrheit und Größe des Nationalsozialismus“ mit dem Hinweis auf seine sonstige Lebensleistung entschuldigen zu wollen. Er habe nämlich auch, nein gerade damals recht gehabt. Die philosophische Wahrheit jenes zu Unrecht getadelten Satzes sei nicht zu bezweifeln. Die „geistige Welt eines Volkes“ sei tatsächlich, wie es in der Rektoratsrede heißt, „die Macht der tiefsten Bewahrung seiner erd- und bluthaften Kräfte als Macht der innersten Erregung und weitesten Erschütterung seines Daseins ...“ usw.