Von Arne Daniels

In den Abendstunden des 11. November 1987 fand die Kriminalpolizei Rosenheim an der Bahnstrecke nach München eine unbekannte männliche Leiche. Nur anhand der Fingerabdrücke konnte der verstümmelte Tote identifiziert werden. Es war Norbert Fischer, seit 1975 Hauptkassierer der IG Metall, einer der führenden und angesehensten Gewerkschafter der Bundesrepublik.

Das Rätselraten um die Hintergründe für den grausamen Freitod des Sechzigjährigen beendete am Donnerstag vergangener Woche die 17. Große Strafkammer des Landgerichts Frankfurt. Gegen den Toten konnte zwar nicht mehr verhandelt werden. Dennoch wurde mit dem Urteil über den Bauingenieur Eugen Becker auch über die Schuld Fischers entschieden.

Die Große Strafkammer unter dem Vorsitzenden Richter Rolf Schwalbe befand den Ingenieur Becker der Beihilfe zur Untreue für schuldig und verurteilte den 61jährigen zu einem Jahr Haft auf Bewährung und zu einer Geldbuße von 150 000 Mark. Wo der Ingenieur nur Beihilfe leistete, war der angesehene Gewerkschafter nach Auffassung des Gerichts der Haupttäter: bei der Veruntreuung von knapp 600 000 Mark aus dem Besitz der IG Metall. Das Geld soll je etwa zur Hälfte in die Taschen der beiden Männer geflossen sein. Daneben brachte der Frankfurter Prozeß zutage, wie wenig die IG Metall das Finanzgebaren Norbert Fischers kontrollierte.

Vor rund acht Jahren hatte Norbert Fischer im Namen der gewerkschaftseigenen Treuhandverwaltung Igemet bei der Bank für Sparanlagen und Vermögensbildung (BSV) Rentensparbriefe im Wert von fünfzig Millionen Mark zu neun Prozent Zinsen erworben. Außerdem vereinbarte Fischer mit der BSV vertraulich einen Bonus von zwei Prozent, mithin einer Million Mark – ohne den Vorstand der IG Metall von dieser Zusatzvereinbarung zu unterrichten. Eine erste Rate der Sonderzahlung in Höhe von gut 404 000 Mark überwies die BSV auf Weisung Fischers lange vor der Fälligkeit auf ein Schweizer Konto. Weil sich das Geldinstitut in Basel auf das Bankgeheimnis beruft, weiß bis heute niemand, wer Zugang zu diesem Konto hat und wo das Geld geblieben ist.

Ende Mai 1985 veranlaßte Fischer die BSV, die zweite Rate – exakt 595 744,79 Mark – auf ein Konto Eugen Beckers zu überweisen, mit dem Vermerk „zugunsten Bau Lohr IG Metall“. Im unterfränkischen Lohr steht die Bildungsstätte der Gewerkschaft. Die wurde in den Jahren 1985 und 1986 aus- und umgebaut – für mehr als fünfzig Millionen Mark. Generalunternehmer für diesen fetten Auftrag war die Stuttgarter Firma Züblin, die seit den dreißiger Jahren für die IG Metall baut.

Ingenieur Eugen Becker war seit 1955 bei Züblin beschäftigt, zuletzt als technischer Prokurist. Beim Projekt Lohr übernahm er für seine Firma die Bauleitung, gleichzeitig für den Bauherren IG Metall die sogenannte Projektsteuerung. Zeichnungsberechtigt für das Projektkonto bei der Nassauischen Sparkasse war anfangs nur er, später auch Fischer.