Von Uwe Wolff

Robert Wilson und David Byrne („The Forest“) brachten ihn in Berlin auf die Bühne, der Trendsurfer Gerhard Peter Moosleitner sieht in ihm den „großen Einzelmenschen“, der wir in Zukunft zu werden haben, und nun erzählen zwei deutsche Autoren unabhängig voneinander seine Geschichte nach: Gilgamesch, sagenumwobener Gottkönig von Uruk, der vor 5000 Jahren im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris herrschte.

Zeit der Suche und der Sichtung: geprüft werden die Angebote an Sinn, die der Menschheit im Laufe ihrer Kulturgeschichte gemacht worden sind. Über die Welt des Mittelalters (Dieter Kühn), das antike Rom des Dichters Ovid (Christoph Ransmayr) führt diese Ahnenforschung an den Anfang der Zivilisation, zu jener Epochenschwelle zwischen Natur und Kultur, von der der jüdische Paradiesesmythos und das sumerisch-ackadische Gilgamesch-Epos erzählen. Für Wilson/Byrne ist Gilgamesch als Erbauer der Stadtmauern von Uruk ein Vorläufer der industriellen Revolution, Enkidu, sein Freund, der Mensch im Paradies der unberührten Natur.

Der Gilgamesch-Roman „Der Löwe von Uruk“ von Harald Braem dagegen stilisiert den sumerischen König zum ökologischen Urvater, der am Ende zahlreicher Abenteuer und Untaten (Abholzung der Zedern des Libanon), erkennt, daß es sinnlos sei, „gegen die Natur“ leben zu wollen: „Wir können nur mit ihr leben, weil wir ein Teil von ihr sind, wie die Bäume auch.“

Ökologisches Urgestein am Anfang der Geschichtsschreibung will auch Thomas R.P. Mielke entdeckt haben. Mielke stilisiert Gilgamesch zum ökologischen Yuppie der Prämoderne, der nach seinem Tod Karriere als Totenrichter macht und von der Unterwelt aus die Umweltsünder des zwanzigsten Jahrhunderts mahnt: „Die Menschen entfernen sich von der alten Ordnung. Sie sind nicht mehr eins mit der Natur und dem Universum. Deshalb sollt ihr mir fortan dabei helfen, die Menschen nach ihrem Tod nicht nur nach ihren Taten, sondern auch nach ihren Gedanken und Gefühlen zu richten oder zu belohnen!“

Braem und Mielke haben ein professionelles Gespür für den Trend des Zeitgeistes. Harald Braem ist im Hauptberuf Professor für Kommunikation und Design an der Fachhochschule Wiesbaden, Thomas R.P. Mielke leitet in Berlin eine Werbeagentur und stieß während eines Werbeauftrages für die pharmazeutische Industrie auf den Helden Gilgamesch. Dessen Suche nach einem „Gewächs gegen die Unruhe“ schien sich als origineller Werbespot für Psychopharmaka zu eignen. Für Braem als Amateur-Archäologen war der Sprung in die 4. Dynastie von Uruk weniger zufällig. Beide Autoren erheben den Anspruch, historisch genau zu erzählen – Mielke liefert sogar einen kleinen wissenschaftlichen Apparat. Sie sollen an ihrem Selbstverständnis gemessen werden.

Das Gilgamesch-Epos ist das älteste Dokument der Weltliteratur, und hier, am Anfang der Kulturgeschichte, stehen – frappierend für den Identitätssucher am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts – alle Fragen und Probleme, die auch heute noch den Menschen quälen und zu künstlerischer Bewältigung stimulieren. Das Thema des Epos ist die Sterblichkeit des Menschen. Warum müssen wir sterben? Was ist der Sinn des Lebens? So lauten die Fragen, die Gilgamesch stellt. Die Modernität liegt auch darin, daß das Epos zwar Götter kennt, den Menschen aber von ihrer Unsterblichkeit und der daraus resultierenden Bedürfnislosigkeit ausschließt. Gilgamesch sucht der Welt und seinem Leben einen immanenten Sinn abzugewinnen und scheitert dabei.