Turbo-MeditationHochgejagt auf 20 Hertz

Seltsame Erlebnisse in der Gehirnfitness-Maschine

Von Susanne Mayer

Einen Moment lang dachte ich, ich würde sterben. Mein Körper – wo war er? Der Atem – einfach weg! Das Herz pocht, pocht in den Ohren, wie in jenen Filmen, in denen jeder weiß: gleich kollabiert das EEG auf Null, PIEP, PIEP, PIEP, und die Schwester kommt gerannt. Doch keine Schwester, nur dieses Weiß: gleißendes, überwältigendes Weiß, dem ich entgegenfliege wie die Jungfrau zur Himmelfahrt. Da ist sie aufgestiegen und weg war sie? Niemand verleugnet sein katholisches Erbe. Es dauert eine Ewigkeit, dann höre ich von weitem Tom.

„Okay“, sagt er, mit dieser wundervollen sonoren Stimme, „come back.“ Und dann: „Ihr könnt die Brille jetzt abnehmen.“

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Na also, denke ich, Baby, da hast du aber noch mal Schwein gehabt: come back.

Ich öffne die Augen und sehe ein prächtiges Exemplar von Ficus Benjamini, einst Stolz aller WGs, heute auch in Wartezimmern und Banken zu finden. Kein Zweifel, das ist das Leben.

Das Leben erweist sich an jenem Spätnachmittag, nach meiner ersten Meditation in der weißgestrichenen Altbauwohnung des Berliner Gehirnfitness-Studio, als ein Schauspiel, das wie hinter Panzerglas abläuft. Ich kriege alles mit, aber nichts kriegt mich zu fassen. Ich sitze auf der einen Seite der Scheibe, unvorstellbar wach, unendlich gelassen, ja gelöst im Hier und Jetzt – aber unerreichbar für alle, entrückt im mentalen Lotussitz. Auf der anderen Seite neun Leute, die trinken Kaffee und unterhalten sich. Ein Masseur, ein Mathematiker, ein Therapeut. Drei Leute, die Biotope für Wohnzimmer bauen. Ein ehemaliger Betonmischer, ein ehemaliger Grafiker. „Also ich finde“, sagt Jutta von der Biotop-Firma Sirius, eine kleine dunkle Frau mit langen Hippie-Haaren, „die session, die war jetzt ziemlich soft.“ Soft? „Geradezu lieb, würde ich sagen.“ Lieb!

Jutta meint das so vom Gefühl her, sie hat es im Bauch gespürt, schön weich. Wolfgang dagegen, der Biotop-Chef, ein 40jähriger, ziemlich straight aussehend, aber, wie sich herausstellt, ein ehemaliger Sanyassin, findet den MC 2 besser als D.A.V.I.D 1. MC 2? Na hör mal, Einstein! Alles ist Energie! Der MC 2 bringe einen stärker rein, der sei geradezu turbulent, da „durchrase“ man alle möglichen Gefühlsschichten. Bernhard hat gerade seine Stereoanlage, inklusive Fernseher, gegen einen walkman-kleinen MC 2 eingetauscht, eine Art von Meditationsmaschine für die Hosentasche („Nie mehr diese Massenhypnose. Ich mache jetzt mein eigenes Programm, im Kopf!“). Tom sagt, dieselbe session könne jeder, egal mit welcher Maschine, jedesmal anders erleben: mal nur Entspannung, mal Halluzinationen, mal das große Glück. Tom ist so etwas wie der Leiter des Berliner Gehirnfitness-Studio und bedient den D.A.V.I.D 1. Der steht wie eine Stereoanlage als schwarzer Turm im Studio zwischen den Fici Benjamini und den neun Futon-Matten, auf denen die Schlafsäcke liegen, wie in einer ordentlichen Jugendherberge andächtig gefaltet, und nichts verrät mehr, daß sich dort gerade noch neun Leute bis zur Bewußtlosigkeit D.A.V.I.D 1 hingegeben haben.

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