Camilla Cederna: Brief aus Mailand: Ich spreche und schreie
Die Mammas und die Mafia – eine sizilianische Tragödie
Die Frauen und die Mafia? Es gibt schreckliche Geschichten und Beispiele geistigen Mutes, Abstiege in den Abgrund und bittere Revolte. Die schrecklichen Geschichten finden wir in dem erschütternden Büchlein „Le signore della droga“ (Die Herrinnen der Droge) von Maria Pino.
Erst hatten die Männer alle Möglichkeiten studiert, wie man den Stoff nach Amerika schicken kann: in Gemüsekartons, in Ölbüchsen, in Tennisbällen; aber dann hatten sie eine ruchlose Idee, die sich als ziemlich wirkungsvoll erwies: Frauen als „Kurier“ über den Ozean zu schicken – mittellose, nicht vorbestrafte, mit Drogen gepolsterte Frauen. Im Jahr 1985 fingen diese Reisen an, von Torretta aus, einem Dorf in den Hügeln zwischen Palermo und seinem Flughafen Punta Raisi.
Die Flugtickets wurden immer von denselben Personen in derselben Agentur in Palermo besorgt. „Alles inklusive“: Palermo – New York und zurück, acht Tage in einem Luxushotel, Begleiter für Restaurant und Stadtbummel, 150 Dollar Tagegeld für die kleineren Ausgaben, zum Schluß 25 Millionen Lire (rund 35 000 Mark) als Entgeld – und auch mehr, zum Beispiel wenn die „Kuriere“ doppelte Arbeit leisteten, das heißt, wenn sie mit dem Heroin abreisten und mit den Dollars zurückkamen. Eine Gebühr mußten sie jedoch dem Mann entrichten, der sie für die Reise „einkleidete“, der ihnen die Drogenpackungen mit einer Bauchbinde umschnallte, die von einer eigens dafür angestellten Schneiderin angefertigt und mit Trussardi-Parfüm besprüht wurde, um die Drogenspürhunde irrezuführen. Was für eine Gebühr war das? Ein schneller Beischlaf am Abend vor der Abfahrt in einem Hotel in Flughafennähe, ein sozusagen obligates jus copulandi.
Bei der Rückkehr dann ein Riesenfest, geheimnisvolle Freude und große Lust, die ahnungslosen Nachbarn zu überraschen. Was mit dem Geld gemacht wird, entscheidet der „Kurier“: Die Wohnung wird umgestaltet, weg mit den alten Ofen, her mit herrschaftlichen Bädern und Küchen, mit einem Infrarotherd und rostfreien Kochtöpfen, mit Stühlen, die an der Wand aufgehängt werden. Das Eßzimmer wird mit Spiegeln und Messing ausgestattet, das Schlafzimmer mit Seide und Kissen bestückt, und zum Schluß gibt es, außer dem Metallise-Auto vor der Tür, auch noch ein Moped für den Ältesten.
Sie reisen 1986 und 1987 und sind sich vielleicht gar nicht darüber im klaren, daß sie in einem grausamen Milliardengeschäft arbeiten, in dem es viele Tote gibt. Aber nachdem alles eine Weile gutgegangen ist, nach dem schnellen Aufstieg aus dem Elend in den extremen Wohlstand, bekommt die Polizei einen Hinweis, und ein junger Leiter der Antidrogenabteilung fängt an zu untersuchen, was es mit diesen Reisen auf sich hat. Zuerst ermittelt er im Reisebüro. Es stellt sich heraus, daß ein gewisser Totuccio die Frauen anwirbt, und er kommt für ein paar Monate hinter Gitter. Im Gefängnis wird er beinah verrückt, also bittet er um ein Gespräch mit dem berühmten Antimafiarichter Giovanni Falcone. Und er fängt an zu „singen“: Eine Reise kostet 75 Millionen Lire, der „Kurier“ bekommt 20 oder 25, er selber 35, und der Rest geht drauf für Flug, Hotel, Tagegeld, Begleitperson. Er war es auch, der die Frauen „einkleidete“, sich ihrer Gunst erfreute und sie bei der Rückkehr „auskleidete“. Einer der Frauen hatten die Amerikaner die Päckchen mit Dollarbündeln um Bauch und Oberschenkel festgeklebt, und zwar mit einem sehr starken und sehr breiten Klebeband, wie es die Karosseriemechaniker verwenden. Haut und Band waren zu einem einzigen Gewebe verschmolzen, und nur mit vielen Güssen kochenden Wassers und allerhand Cremes konnte man die Unglückselige befreien; sie wurde dabei fast bei lebendigem Leibe gehäutet.
Nach dieser Enthüllung von Totuccio wird die erste „Kurier“-Frau mit Drogen festgenommen: Vincenza Cali, nicht vorbestraft, Mutter von acht Kindern. Es war das zweite Mal, daß sie nach Amerika flog, um als reiche Frau zurückzukehren. „Wer hätte gedacht, daß es Drogen sind!“ sagt sie. „Mir schien es Talkpuder. Erst im Gefängnis bin ich dahintergekommen, was es war, als ich dort Mädchen sah, die völlig verrückt wurden, und man mir sagte, sie wären ‚auf Entzug‘.“ Vor ihrer zweiten Abreise hatte der Antidrogenbeamte ihr Telephon überwachen lassen und einer ihrer Söhne hatte sie im Gespräch mit einem Freund verraten: „Mama fliegt nach Amerika und kommt dann mit den Dollars zurück.“
Der Beamte sichtet sie am Flughafen, sehr elegant, auffällig, große schwarze Sonnenbrille, Spitzenbluse. Sechs Polizisten lassen sie nicht mehr aus den Augen. Als sie schließlich verhaftet wird, findet man zweieinhalb Kilo Drogen an ihrem Körper und 150 Dollar in ihrer Tasche. Es werden noch mehr Frauen festgenommen, unter ihnen die Schneiderin, die für die Päckchen (innen Plastik, außen Leinen) zuständig war. Nach acht Monaten Gefängnis wird Vincenza unter Hausarrest gestellt, doch sie ist nicht glücklich: immer nur zu Hause bleiben; die Kinder, die sich streiten; die Rechtsanwälte, die ihr Geld haben wollen.







