Gerüchte über bevorstehenden Terror von Neonazis erschreckten viele Ausländer

Von Bartholomäus Grill

Hamburg, im April

Lasset die Kindlein zu mir kommen“ – die fromme Einladung ziert auch die Pforte der Haupt- und Realschule an der Fährstraße des Hamburger Stadtteils Wilhelmsburg. Am 20. April folgten ihr die meisten Kindlein nicht: Von 350 Schülern blieben 305 aus. So auch in anderen Vierteln des Hamburger Ostens. An diesem Tag war es in vielen Schulen und Kindergärten mit hohem Ausländeranteil mucksmäuschenstill. „Wir haben an Hitlers 100. Geburtstag mit einem Überfall der Rechtsradikalen gerechnet“, sagt Christa Schmidt, die Leiterin der Schule an der Fährstraße.

„Es war gespenstisch“, erinnert sich ein Blumenverkäufer: Die Straßen in Wilhelmsburg waren wie ausgestorben, die türkischen Läden verrammelt, die Kneipen dicht. Vor allem ausländische Bürger wagten sich nicht mehr vor die Tür. Sie erwarteten eine Invasion von Skinheads und neonazistischen Schlägern. Auch in anderen Stadtteilen, in denen viele Ausländer wohnen, in Mümmelmannsberg, Kirchdorf, Billstedt, Horn oder auf der Veddel lähmte die Furcht vor Gewalttaten das öffentliche Leben. „Es war eine Hysterie, die die ganze Stadt erfaßte“, resümiert Peter Kelch, Sprecher der Innenbehörde. „Und einige Zeitungen haben das Thema ziemlich hochgeschrieben.“ So verkündete die Hamburger Morgenpost rechtzeitig zu „Führers Geburtstag“: „Neo-Nazis machen Terror“. Und Bild posaunte in unnachahmlicher Art: „Angst in Hamburg“. Doch nichts passierte. Am nämlichen Tage ließ sich kein einziger Rechtsradikaler blicken, jedenfalls nicht in den angeblich bedrohten Vierteln.

Nun fragen sich Polizisten, Pädagogen und Politiker, wie es zur Einschüchterung der Bürger, ja zu einer regelrechten Massenpsychose kommen konnte. Oft wurde dabei A. Paul Webers Bild „Das Gerücht“ bemüht. Es erklärt zwar nicht den Lauf der Dinge, aber es illustriert ihn trefflich: ein tausendäugiger, vielzüngiger Wurm, der durch die Straßenschluchten kriecht.

Das Untier schlüpfte womöglich auf der Veddel, einem Stadtteil mit 4319 Einwohnern; 2109 von ihnen oder 48,8 Prozent der Bevölkerung sind Ausländer. Dort munkelte man in der ersten Aprilwoche, Skinheads würden zum 20. des Monats einfallen, um sich für die Prügel zu rächen, die sie unlängst von jungen Türken am Hauptbahnhof bezogen hatten. In Windeseile ging das Gerücht durch die Veddel, denn in dieser vom Reeder Sloman gegründeten Arbeitersiedlung wohnt man quasi auf Rufweite.