Der Gemüseladen von Sharif H. (Name geändert, die Red.) ist seit Tagen geschlossen. Am Schaufenster hing frühmorgens am 12. April ein Flugblatt mit üblen Hetzparolen in miserablem Deutsch. „Deutscher erwache, erledige deine Pflicht“, appellierte der Verfasser an potentielle Gesinnungsgenossen. Und wehrhaften Türken drohte er: „Der lOOste Geburtstag von Adolf Hitler wird für euch die Zweite Kristahlnacht sein.“ Auch andernorts taucht; das Pamphlet auf, doch zu allererst soll es eben an jenem Gemüseladen gehangen haben. Dessen Inhaber war nicht leicht zu finden, obwohl er gleich um die Ecke wohnt: Er ersetzte zur Vorsicht den türkischen Namen an der Klingel durch einen deutschen. Von seiner Wohnung bis für Schule am Slomanstieg ist es nur ein Katzensprung. Dort wurde, so berichtet ein Schüler, das Flugblatt kopiert und den Kindern mit nach Hause gegeben. Schulleiter Peter Krause bestreitet das entschieden.

Wie auch immer: Eltern und Lehrer reagierten panisch, die Panik wurde durch Drohanrufe verstärkt. Als am darauffolgenden Freitag im Hamburger Abendblatt ein kurzer Bericht über das Flugblatt und die Folgen erschien und am Sonntag in der türkischen Tageszeitung Hurriyet ein langer Artikel zum gleichen Thema stand, wurde das Gerücht plötzlich gehandelt wie eine Gewißheit.

Paralysierte Bevölkerung

In der Woche danach stieg die Boulevardpresse groß ein und vertausendfachte das Gerede. Dabei hat sich ein türkischer Reporter verdient gemacht, der gleichzeitig für das türkische Blatt Günaydin, und Bild-Hamburg arbeitet. Die Angstreportagen verfehlten ihre Wirkung nicht: Bei Polizeiwachen, Behörden und Schulen liefen die Telephone heiß; ununterbrochen riefen besorgte Eltern an und baten um Rat. Es hieß, 4000 englische Hooligans würden mit der Kanalfähre ankommen und zusammen mit 3000 Neonazis in Wilhelmsburg und auf der Veddel einfallen. Greuelgeschichten machten die Runde: In Harburg sei ein türkischer Junge von Skins geköpft worden, in Billstedt hätten sie zwei Frauen vergewaltigt. „Der morgige Geburtstag von Adolf Hitler hält zweifellos weite Teile Hamburgs in Atem“, schrieb die Morgenpost über einen sozialen Stupor, den sie zweifellos selber miterzeugt hatte.

Die Folgen zeigten sich am 20. April. Ausländische Arbeitnehmer meldeten sich krank, die Arbeitgeber zeigten Verständnis. Türkische Väter geleiteten ihre Sprößlinge zum Unterricht oder ließen sie gleich zu Hause. Auf den Schulhöfen patrouillierten Polizeibeamte. Zwar mahnte Bürgermeister Henning Voscherau zu Besonnenheit, warnte der Innensenator Werner Hackmann vor Hysterie, beschwichtigte Polizeisprecher Bernd Metterhausen: Es gebe keinerlei Hinweise auf Aktionen der Rechtsextremisten. Zu spät: Die Bevölkerung war geradezu paralysiert. Da nützte es auch wenig, daß Schulsenatorin Rosemarie Raab am Tage X in Wilhelmsburger Schulen auftauchte und versuchte, Kinder und Eltern zu beruhigen. Bei dieser Gelegenheit konnte sie immerhin feststellen: „Die Ausländerfeindlichkeit ist weiter verbreitet, als wir gedacht haben.“

„Man hätte mit gesunder Gegeninformation die Entwicklung viel früher bremsen können“, schimpft Bendix Klingeberg, Geschäftsführer der Bürgerinitiative Ausländische Arbeitnehmer e.V. im Haus Rudolfstraße. Sein Verein hat langjährige Erfahrung in der Ausländerarbeit. „Unsere Lehrer haben sich derart in die Hose geschissen, daß es schon wehtut.“ Kein Zweifel: Die Besonnenen waren in der Minderheit.

Die Devise hätte lauten müssen: Wir lassen uns durch ein paar rassistische Drohungen nicht ins Bockshorn jagen. „Schulen auf, Häuser der Jugend auf, Läden auf! Wir lassen uns nicht vertreiben. Der Angst und dem Terror keine Chance!“ stand auf einem zweisprachigen Flugblatt der Bürgerinitiative.