Physiker behaupten, manche Rutengänger seien ernstzunehmen

Von Henning Engeln

Gibt es sie also doch, jene umstrittene Fähigkeit von Wünschelrutengängern, bestimmte Stellen im Gelände auszumachen ohne dabei die normalen Sinneskanäle zu benutzen? Ein Wissenschaftlerteam der Universität München unter der Leitung der Professoren Hans-Dieter Betz und Herbert König ist überzeugt davon, daß ihnen der zweifelsfreie Nachweis solcher „ortsabhängiger Reaktionen“ gelungen ist. In einem zweijährigen, vom Bundesforschungsministerium mit rund 400 000 Mark unterstützten Forschungsprojekt hatten die Physiker mit einem guten Dutzend wissenschaftlicher Mitarbeiter mehr als 300 Wünschelrutengänger getestet. Die Ergebnisse der Untersuchung, die schon im Vorfeld ein kontroverses Echo in der Öffentlichkeit fanden, sollen in Kürze als Buch erscheinen.

Das Fazit aus Tausenden von Einzelexperimenten zieht Hans-Dieter Betz wie folgt: „Die meisten Behauptungen der Rutengänger sind nicht wahr, und ihre Treffsicherheit ist im allgemeinen schlecht. Dennoch findet sich ein Kern in der Geschichte, eine Häufung von Treffern, die statistisch signifikant ist. Bei etwa einem halben Dutzend der Leute kommen sogar Ergebnisse heraus, denen man auch ohne Statistik ansieht, daß sie mit dem Zufall nicht zu vereinbaren sind.“

Es waren vor allem zwei Vesuchsanordnungen, mit denen die Münchner Physiker die Wünschelrutengänger testeten. Im sogenannten „Scheunenexperiment“ mußten die Vesuchspersonen im oberen Geschoß eines Holzgebäudes innerhalb einer zehn Meter langen Laufstrecke bestimmen, an welcher Stelle sich im darunterliegenden Geschoß ein wasserdurchflossenes Rohr befand. Dieses Rohr wurde von einem Mitarbeiter nach jeder „Mutung“ durch den Rutengänger verschoben – und zwar jeweils an eine vom Computer per Zufallsgenerator vorgegebene Stelle. Weder der Rutengänger noch der Versuchsleiter im oberen Geschoß der Scheune wußten, wo sich das Rohr im Erdgeschoß befand; die Versuchsanordnung war also „doppelblind“.

Es wurden jeweils Serien von zehn „Mutungen“ vorgenommen; die meisten Versuchspersonen absolvierten mehrere Serien. In Vorversuchen wurden Rohre aus verschiedenen Materialien – Kupfer, Glas, Kunststoff sowie Kiesgerinne – ausprobiert. In den Tests wurden vor allem mit Kieselsteinen gefüllte Kupferrohre und Kiesgerinne eingesetzt. Das Material des Rohres und selbst die Tatsache, ob es von Wasser durchströmt war oder nicht, hatten jedoch wenig Einfluß auf die Ergebnisse, betont Hans-Dieter Betz. Der Physiker vermutet, daß bei dem Rutenphänomen eher die Beeinflussung von elektromagnetischen Feldern eine Rolle spielen könnte. Dafür spreche auch, daß Rutengänger, die in der Praxis kleinste Wassermengen finden könnten, beim Orten von städtischen Wasserleitungen mit einem Durchfluß von 4000 Litern pro Minute versagten.

Die zweite Versuchsanordnung bestand aus einem hölzernen Laufbrett, das aus Einzelelementen zu Längen von rund zehn bis fünfzehn Metern zusammengesetzt werden konnte. Aufgebaut wurde dieses Brett im freien Gelände – und zwar an Stellen, die einige Rutengänger zuvor selbst ausgesucht hatten als Orte mit besonders starkem „Reiz“. Den Versuchspersonen wurden dunkle Ski- oder Motorradbrillen aufgesetzt und zusätzlich ein Tuch vor das Gesicht gehängt. Außerdem erhielten sie einen Gehörschutz, der die Geräusche dämpfte. Für jede „Mutung“ führten die Mitarbeiter des Projekts die Rutengänger zur Desorientierung kreuz und quer durchs Gelände und schickten sie dann an eine vom Computer per Zufallsgenerator bestimmte Startstelle auf dem Laufbrett. Orteten die Rutengänger trotz der unterschiedlichen Startpositionen die vermeintliche „Reizzone“ außergewöhnlich häufig an derselben Stelle – was mit einem statistischen Verfahren beurteilt wurde –, wurden sie als erfolgreich eingestuft. Zwei Dinge waren offensichtlich von entscheidender Bedeutung: zunächst einmal die richtigen Versuchsbedingungen zu finden, unter denen überhaupt die Fähigkeit der Rutengänger zur Geltung kommen konnte, und sodann unter den vielen Rutengängern diejenigen herauszufinden, die „wirklich etwas konnten“.