Von Ute Blaich

Er schrieb den berühmtesten Essay der amerikanischen Literatur, war radikaler Antiphilister, rebellischer Einzelgänger, Nonkonformist, hervorragender Kenner von Flora und Fauna, liebte Seerosen und Murmeltiere, ekelte sich vor fettigen Duzfreunden und dem Krämergeist vulgärer Yankees.

Henry David Thoreau, bedeutendster amerikanischer Naturdichter, Pionier der Ökologie und scharfsinnig räsonierender Moralist, verfaßte sein weltberühmt gewordenes Traktat „The Resistance to Civil Government“ im Jahre 1849. Anlaß zu diesem kühnen Essay war eine Nacht im Gefängnis von Concord. Thoreau hatte sich geweigert, eine Bagatellsteuer zu entrichten. Er könne zwar, aber er wolle nicht zahlen, erklärte er dem Staatsdiener und wurde prompt in Haft genommen.

Seine Weigerung, die paar Dollar Steuer zu entrichten, war Protest aus ethischen Grundsätzen. Weil die US-Verfassung Sklaverei duldete und ausdrücklich billigte („Sklaven sind keine US-Bürger, sondern dingliches Eigentum“), verbot das Gewissen Thoreau, einem solchen Staate noch Loyalität und Gehorsam zu erweisen. „Nicht für einen Augenblick kann ich eine politische Organisation als meine Regierung anerkennen, die zugleich auch die Regierung von Sklaven ist.“ Leidenschaftlich pocht Thoreau auf das Recht, „der Regierung die Gefolgschaft zu verweigern und ihr zu widerstehen, wenn ihre Tyrannei oder ihre Untüchtigkeit zu groß und unerträglich wird“. Thoreau verachtet die betriebsamen Geschäftemacher, für die „die Frage der Freiheit hinter der des Freihandels zurücktritt“. Er reklamiert das Gewissenrecht gegen ungerechte oder menschenverachtende Mehrheitsentscheidungen.

Die Fabian Society verbreitete Thoreaus Schrift, Ghandi trug sie stets in den Gefängnissen bei sich, Mitglieder der resistance lebten nach dieser Idee, Martin Luther King war von dieser Ethik genauso fasziniert wie junge amerikanische Kriegsdienstverweigerer. Ihren Einberufungsbefehl für Vietnam schickten sie in den sechziger Jahren zurück. Kommentarlos dazu: ein Exemplar von „Civil Disobedience“. Wie politisch brisant und explosiv Thoreaus Plädoyer für verantwortungsvolle Demokratie geblieben ist, bewies der Fanatiker McCarthy. Er setzte diesen Widerstandsappell auf den Index. 1951 wurde diese Schrift gegen Kadavergehorsam aus sämtlichen Bibliotheken der Amerika-Häuser entfernt. Ist es nur Zufall, daß Thoreau ausgerechnet in Deutschland kaum Leser gefunden hat? Deutsche Geschichte, sagt Günter Grass, sei eben vor allem Geschichte versäumten Widerstands.

Die Thoreau-Biographie von Heiner Feldhoff im Beltz Verlag kommt spät, aber zur rechten Zeit: zu einem Zeitpunkt, da hier das Demonstrationsrecht drastisch verschärft wird und ein Bürger, der mit einem Motorradhelm auf dem Weg zu einer Demo ist, als „gewaltbereit“ eingestuft wird. Zu einem Zeitpunkt, da ein Pfarrer wegen einer friedlichen Sitzdemonstration vor dem Giftgasdepot Fischbach mit dem Hinweis auf Paragraph 240 des Strafgesetzbuches eine „verwerfliche Gewaltkriminalität“ begeht.

Feldhoffs Lektüre „Vom Glück des Ungehorsams“ macht neugierig auf einen geradezu prophetischen Kritiker und imponierenden Streiter für Zivilcourage. Schon vor hundert Jahren erkannte Thoreau den zerstörerischen Umgang mit Natur, kritisierte scharf den Raubbau der Großfarmer, stellte einen präzisen Katalog mit ökologischen Forderungen auf, verlangte Bestrafung von Umweltfrevlern. Er mokierte sich über eine absurde Wertordnung, die einen Mann, der halbe Tage durch Wälder wandert, einen Taugenichts schimpft, den Spekulanten aber, der diese Wälder rücksichtslos abholzt, als cleveren Bürger mit Unternehmer-Elan preist. In Thoreaus Leben existiert nicht der fatale Riß zwischen Theorie und Praxis. Er lebt kompromißlos seine Idee von Freiheit, Verantwortung und persönlicher Würde.