Verbrannte Schlösser; Freiheitsbäume, flammende Beden im Jakobinerklub und offene Rebellion:: Der Anfang eines Anfangs
Revolutions-Ausstellungen vom Ruhrgebiet bis Schwaben spiegeln Deutschland im Bann der neuen Freiheit
Von Benedikt Erenz
Die Fahrt von Karlsruhe nach Zweibrücken in einem der letzten noch existierenden D-Züge der Neuen Bundesbahn dauert ziemlich genau zwei Stunden. Bei Wörth überqueren Waggon und Passagier den Rhein und damit die Landesgrenze zwischen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Das Mitführen eines Passes ist nicht vonnöten.
In jener Zeit allerdings, in die der Passagier zurückreist und die etwa sieben Menschenalter entfernt liegt, trennten die Residenzstädte Karlsruie und Zweibrücken an die zehn bis zwanzig Grenzen. Das heißt, der Reisende hatte das Hoheitsgebiet des ersten Landes noch kaum betreten, als er mit dem anderen Fuß schon im nächsten stand, wobei der Souverän des übernächsten mit dem des ersten Landes durchaus identisch sein könne. Deutschland 1789 – dieses Land gab es gar nicht.
Doch es war nicht bloß die so oft bespottete territoriale Aufsplitterung oder besser: Zerfaserung des Heiligen Römischen Reiches allein, welche die vaterländische Geschichte zu einer so schwierigen macht, sondern mehr noch die Tatsache, daß viele der Landes- und Ländchengrenzen zugleich auch Zeitgrenzen waren, Datumslinien gewissermaßen. Denn während hier schon in den Maßstäben des 19. Jahrhunderts geplant wurde, inquirierte man dort noch nach der mittelalterlichen Prozeßordnung, und entwarf man in der Residenz zu M. bereits moderne Industrie, wurden in der Grafschaft L. noch die Hexen gejagt. Ancererseits hatte sich diese oder jene Gemeinde noch Reste einer ständischen Verfassung bewahrt, während in vielen Fürstentümern kleine Despoten in der Manier des großen Despoten zu Versailles regierten: absolut und sonnengleich und allenfalls ein bißchen „aufgeklärt“.
Diese über das bloß Territoriale hinausgehenden Verwerfungen, diese Zeitverschiebungen nnerhalb des schon fast fiktiven Ganzen, dessen De-jure-Existenz ja durch Reichsinstitutionen wie die in Wien, in Regensburg oder Wetzlar immer noch ächzend am Leben gehalten wurde – das alles muß die Antwort auf die Frage dieses Jahres, wie denn nun die Französische Revolution ‚in Deutschland“ gewirkt habe, bitterlich verkomplizieren. Und am Ende wird immer wieder der Einzelfall stehen: In Nürnberg etwa ... in Berlin hingegen ... oder: Zweibrücken zum Beispiel.
Wenn die jungen Bäume auf dem Karlsberg bei Homburg an der Saar ihre Wurzeln mit den Jahren langsam in das Erdreich bohren, kann es sein, daß sie auf etwas Hartes stoßen: auf Fundamerte, Reste von Fundamenten, auf Steingut auch, Porzellanscherben, vielleicht gar noch auf ein paar Münzen. Sehr viel hat ihnen die Wurzelarbeit der alten Bäume und deren Vorfahren während der letzten zweihundert Jahre nicht mehr übriggelassen, doch gewißlich findet sich im Boden des Karlsberges noch genug, an dem auch die Jungen sozusagen ihre revolutionäre Gesinnung erproben können. Denn die Fundamente, die sie dort mit ihren Wurzeln langsam umklammern, zersetzen, zerreiben, sind keine geringeren als die der letzten Residenz des Herzogs von Pfalz-Zweibrücken, des Schlosses Karlsberg, das sansculottische Barbaren im Sommer des Jahres 1793, kurz nachdem die Mainzer Republik gefallen war, in Flammen hatten aufgehen lassen.
Sansculottische Barbaren? Französische Soldateska, die ja nicht das erst Mal die Pfalz verwüstet hatte? Die Antwort ist so einfach nicht: Zwar sind es wohl französische Soldaten gewesen, die ganze Strohberge in die Schloßräume geschafft und angezündet hatten, zwar ist es vom Konvent in Paris auch angeordnet worden – doch den Antrag, dies zu tun, den Antrag, das Schloß des „Tyran de Deux-Ponts“ zu vernichten, hatte ein Deutscher gestellt: der Wormser Pfarrerssohn Philipp Jakob Rühl, ein begeisterter Demokrat, der schon gleich zu Beginn der Revolution als Straßburger Deputierter nach Paris gegangen war (und durch den übrigens Schiller – Je Sieur Gille“ – die sicherlich nicht ersehnte Ehre zuteil wurde, ein „Citoyen Français“ zu werden). Keine Tat empörter Bauern, renitenter Untertanen also, obwohl da sicherlich mancher frohgemut aufgetaucht ist und munter mitgeplündert hat. Aber eben auch keine Szene aus dem langen Trauerspiel der „Erbfeindschaft“, in das die linksrheinischen Ereignisse der frühen neunziger Jahre von der späteren chauvinistischen Geschichtsschreibung immer wieder pauschal eingefügt wurden: so als sei es in diesen Jahren um „Franzosen und Deutsche“ gegangen – und nicht um Freiheit und Gleichheit.
Der Mainzer Kunsthistoriker Wilhelm Weber hat in einer akribischen, sechshundertseitigen Untersuchung dem traurigen Schicksal des Schlosses Karlsberg nachgespürt, das so kurz nach seiner Fertigstellung schon wieder vom Erdboden verschwand – einer der letzten Prunkbauten dieser Art in Deutschland und mit einer Gesamtlänge von mehr als einem Kilometer sicherlich nicht der kleinste. Weber entwarf auch das Konzept der Ausstellung „Das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken und die Französische Revolution“, die in der Karlskirche der Stadt zu sehen ist, und insofern nimmt es nicht wunder, daß auf dieser erstaunlich üppig ausgestatteten Veranstaltung eher ein zarter Flor der Trauer liegt, der Trauer über all das durch die Revolution Verlorene, Zerstörte, Untergegangene als – wie hieß es damals so hoffnungsfroh? – der rosige Hauch der Morgenröte am Anfang eines neuen Menschheitstages.
Im Mittelpunkt die herrlichen Modelle und Pläne all der verbrannten Schlösser: Karlsberg, Jägersburg, das imposante Chateau d’Oggersheim. Und tritt der Besucher dann erst vor die Bilder, die zum Glück aus der Galerie des Karlsberger Schlosses gerettet wurden und die heute zum größten Teil in Münchner Museen hängen, dann kann er ob der Schätze des Hauses Pfalz-Zweibrücken nur noch staunen: Honthorst und Claesz, Brouwer und Ruisdael, Vernet, Chardin, Lorrain und nicht zuletzt eine legendäre pornograzile Kostbarkeit wie Bouchers „Ruhendes Mädchen“ – das ist eine wahrlich fürstliche Kollektion.
Doch in die Bewunderung ob dieser Meisterwerke – ob der Prachtfolianten auch aus der wundervollen Karlsberger Bibliothek, die ebenfalls erhalten blieb – mischt sich allmählich Unbehagen angesichts all des herzoglichen Nippes, des „Salzschälchens mit sitzendem Knaben“, des „Dejeuner-Kännchens mit Deckel“, des „ovalen Weinglaskühlers“, und vor allem angesichts des kunstvollen Erinnerungsportraits eines debilen Schoßhündchens, das der Hofmaler Pitz wohl für eine der Karlsberger Damen auf die Leinwand ondulierte: „Wenn ich Dich am Ohr krazte, lecktest Du schmeichelnd mir die Hand. Wann ich freundlich mit Dir schwatzte, schiens, als hättest Du Verstand. Wenn ich Deine Treu bedenke, die Du mehr als mancher Mann mir bewiesen hast, so denke, daß mich das noch rühren kann.“
Gab es da wirklich nichts sonst, das sie hätte rühren können? Reichte denn der fürstliche Blick tatsächlich – wie auf diesem possierlichen Bildchen – nur bis in den Garten des Karlsberger Schlosses? Verstellung, so lehrt uns ja gerade wieder ein Film nach Choderlos de Laclos’ „Gefährlichen Liebschaften“, war die Kunst, das Lieblingsspiel des Rokokos. Doch diese Welt war auch in einem anderen Sinne verstellt. Verstellt von lauter Nichtigkeiten, virtuosen Petitessen, Luxus, süßem Tand. Eine höfische Welt ohne Horizont, eingehüllt in einen rosa Nebel, immer auf der Suche nach Ablenkung. Ja, der Blick aus der chinesischen Pagode, aus dem türkischen Erker reichte meist tatsächlich nur bis zu den Pfauen-Pavillons, den Ställen, der Gärtnerei.
Aber nicht nur das Leben und Leiden der eigenen Untertanen blieben auf diese Weise wohltätig den Blicken entzogen. „Karl August, Souverän eines an Frankreich angrenzenden und mit diesem Land vielfältig verbundenen Herzogtums“, schreibt Werner Taegert in seinem Katalogbeitrag über die Karlsberg-Bibliothek, „(...) mußte darauf bedacht sein, die dortigen politischen Entwicklungen mit besonderer Aufmerksamkeit zu verfolgen. Über seine Mittelsmänner in Paris (...) mag er mit den einschlägigen Schriftzeugnissen versorgt worden sein. Dieser Bestand (jedoch) blieb ungebunden, ja (...) zum allergrößten Teil unaufgeschnitten (...)“.
Kurios genug: ein wenig leidet auch die Zweibrückener Ausstellung unter dieser Perspektivverkürzung. Zwar bemüht man sich, dem zweiten Teil des Titels („... und die Französische Revolution“) ebenfalls gerecht zu werden, und hat auch manch wertvolles Exponat, wie zum Beispiel das Protokollbuch des ersten Parlaments auf deutschem Boden, des Mainzer „Nationalkonvents“, herbeigeschafft – doch über die Verhältnisse im Lande erfährt der Besucher selbst im Katalog nur Spärliches. Wie lebten die Untertanen, die alle diese Schätze erwirtschafteten? Und warum (Hans Hess’ wichtiger Beitrag dazu im Katalog ist leider viel zu kurz geraten) kam es in Bergzabern zu Unruhen? Weshalb wird auch der Freiheitsbaum auf dem Zweibrückener Schloßplatz mit Sicherheit nicht nur, wie es der bekannte Propaganda-Stich des Hofmalers Pitz nahelegt, bei den Zeitgenossen Hohn und „Abscheu“ ausgelöst haben? Und was hatte es mit der Ansprache des Bürgers Schober im Club zu Bergzabern auf sich ... auf daß die deutsche Eiche „in Freiheit, Biedersinn, Bruderliebe“ wurzele, in der Bruderliebe vor allem, „die kein Ansehen der Person hat, die im Menschen den Menschen sieht und in jedem schätzt, was ihm Natur und Bildung Vorzügliches gab“?
Zum Glück hilft hier eine Textsammlung weiter, die gerade der Kaiserslauterner Historiker Erich Schneider herausgegeben hat („Triumph, die Freiheitsfahne weht... – Die Pfalz im Banne der Französischen Revolution“). Hier kann der Besucher nachlesen, was die Ausstellung weitgehend verschweigt: Was die Bürger, die Bauern, auch die Soldaten, zu leiden hatten unter dem Regime der pfälzischen – nicht nur zweibrückischen – Herrschaften, wie die Steuern und Abgaben sie plagten, wie das herzogliche Wild, das sie nicht jagen durften, ihre Ernten vernichtete. Ja, von hier aus, aus der Perspektive derer da unten, wirkt die Karlsberger Herrlichkeit plötzlich drückend und düster. Ob da nicht doch manchem das Herz gelacht hat – als alles in Flammen aufging?
Der Freiheitsbaum: Das war eine übermannshohe, in den Farben der Revolution leuchtende Stange, auf deren Spitze, umsprossen von grünen Zweigen, die rote Jakobinermütze wehte: „Ein Bäumchen ohne Wurzeln, ein Käppchen ohne Kopf“ – wie ein fleißig verbreitetes Spottverslein höhnte. Vor dem Stadtmuseum in Ulm steht seit einigen Tagen so ein Ausrufezeichen der neuen Freiheit – doch hier, in der ehemals Freien Reichsstadt, hat dieser Baum Wurzeln. Denn hier hatte es ja, seit den Tagen des frühen Mittelalters, nie einen Fürsten gegeben.
Hier hatten Patrizier und Bürger, der Stadtadel und die Kaufleute und Handwerker, die Zünfte, immer wieder um eine Verfassung gerungen – und lange Jahre, seit dem Schwörbrief des Jahres 1397, hatte man sich die Macht in der Stadt geteilt.
Formal gab es diesen Schein von Republik noch immer, war Ulm am Ende des 18. Jahrhunderts noch immer eine Freie Reichsstadt – niemandem untertan als allein dem Kaiser in Wien. De facto aber war das Patriziat längst zu einer allein und ohne jede parlamentarische Kontrolle herrschenden Oligarchie geronnen, unter der es für die Bürger keinerlei Mitspracherecht und keinerlei Aufstiegschancen gab. Mit der Wirtschaft ging es kontinuierlich bergab, die Epoche, da Ulmer Geld angeblich die Welt regierte, war längst in das zeitlose Reich der Sagen entrückt. Die Stadt hatte enorme Schulden, die Teuerung stieg ins Abenteuerliche – vergeblich versuchte die Bürgerschaft während der siebziger und achtziger Jahre in einem langen Prozeß vor dem Reichshofrat in Wien, ein Mitspracherecht bei den städtischen Finanzen zu erstreiten.
Schon bald nach Ausbruch der Französischen Revolution beginnt – wie auch in den anderen süddeutschen Reichsstädten – der Protest zu zünden. Ein Jakobinerklub wird gegründet, eine Bürgeropposition formiert sich. Anders als in den linksrheinischen Gebieten bedarf es dazu nicht erst der helfenden Hand der Franzosen; die Ulmer Bürger können sich ja, in einer gewissen Weise, auf die eigene Verfassung berufen, die sie – zunächst vorsichtig noch – reformieren wollen. Natürlich bilden sich bald Fraktionen. Was den einen als zu schüchtern erscheint, geht den andern schon zu weit. An der Spitze der „Jakobiner“: der Säcklermeister und Handschuhmacher Caspar Feßlen. Als im Sommer 1794 der Magistrat fünf Kanonen zu den Reichstruppen an die Frankreich-Front schicken will, wird das von protestierenden Ulmer Bürgern verhindert.
In seinen Flugschriften befeuert Feßlen die Opposition in ihrem Kampf um politische Selbstbestimmung mit neufränkischen Gewißheiten: „Alle Menschen werden frei geboren und bleiben frei und einander an Rechten gleich!“ Am Ende steht zwar, 1795, nicht die von ihm ersehnte neue Verfassung, sondern nur ein kümmerlicher „Bürgerausschuß“ – doch der gemäßigte Flügel der Bürgeropposition ist’s vorerst zufrieden.
Die von dem Freiburger Historiker Uwe Schmidt sehr sorgfältig zusammengestellte und liebevoll arrangierte Ausstellung dokumentiert dieses „Wiedererwachen“ eines eingeschüchterten bürgerlichen Selbstbewußtseins mit minuziöser Detailfreude: Von den ersten hier und da auftauchenden Schmähschriften über den Bericht von der Gründung einer Lesegesellschaft für das gehobene Publikum („... wer sollte sich nicht über solche Anstalten freuen, wo die Menschen gesellschaftlich zusammentreten, und sich durch wechselseitiges Reiben geistige Funken entloken, die bald zu einer Lichtmasse werden müssen, die wärmt und erleuchtet“) bis zu den Entwürfen einer neuen Ulmer Verfassung, wie sie später, 1798, vom Bürgerausschuß wieder hervorgeholt und weiter ausgearbeitet wurden, bis hin zu den großen Projekten der süddeutschen Patrioten, mit Hilfe französischer oder schweizerischer Truppen einen badenwürttembergischen Freistaat, eine schwäbische Republik zu errichten, bis hin zu dem Entwurf einer Verfassung für ganz Deutschland.
Anders als in der Pfalz, in Zweibrücken, weiß sich die Ulmer Opposition in ihren Anfängen in einer „Tradition“ stehend, kann sie auf „alte“ Rechte pochen. Und wenn auch die Widerstandskraft nach 1802, als Ulm seine Reichsfreiheit verliert und an Bayern fällt, nachläßt und schließlich erlischt, so lenken doch die Hinweise auf die – um die Jahrhundertwende endgültig gescheiterte – Republik den Blick auf den süddeutschen Freiheitskampf des 19. Jahrhunderts, auf den Vormärz und die Revolution von 1848: Kontinuitäten, demokratisch-republikanische Lebenslinien, wie sie sich auch andernorts in Deutschland nachziehen lassen.
So setzen zum Beispiel die Söhne der rheinischen Jakobiner Mathias Metternich und Michel Venedey die Freiheitsarbeit ihrer Väter 1848/49 fort, und Erich Schneider berichtet von dem jungen Pfälzer Bürstenmacher Johann Philipp Becker, der 1849 für die Badische Republik stritt, der mit Marx und Engels zusammen zum Vorkämpfer der sozialistischen Arbeiterbewegung und zu einem Mitbegründer der I. Internationale wurde: Sein Großvater hatte 1793 in seinem Heimatstädtchen Frankenthal den ersten Freiheitsbaum gepflanzt
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Im Ulmer Museum liegt ein dicker Manuskriptband aufgeschlagen: Verhörprotokolle der Stadtobrigkeit betreffs jakobinischer Umtriebe. Darüber, mitten über der aufgeschlagenen Seite, schwebt eine Kokarde, blauweißrot blüht sie dort, aus zittrigem dünnen Papier, die stolze Blume der Revolution. In Karlsruhe firidet der Besucher sie wieder: am Hut eines jungen deutschen Malers in Paris – Eberhard Wächter. Eine vorzügliche, klug gegliederte Ausstellung des Goethe-Instituts, die bereits in den Goethe-Dependancen in Paris und Schwäbisch-Hall zu sehen war, zeigt dieses schöne Bild.
Leider nicht auf der Leinwand, denn die Ausstellung, die als eine Art „Überblicksvorlesung“ zum Thema „Deutschland und die Französische Revolution“ gedacht ist, bietet keine Original-Exponate und beschränkt sich ganz auf Text- und Bildtafeln. Doch es ist schon eine erstaunlich bunte, spannende Dokumentation, die das Team um Uwe Martin da zusammengestellt hat: ein wahres Kaleidoskop, aus dem der Besucher nicht so schnell herausfindet.
Vor allem die Fülle der Portraits überrascht. Gesichter, die – mal ganz still vor Freude, mal von jähem Stolz durchzuckt – die Aufbruchsstimmung jener Jahre spiegeln. Gesichter der Revolution – und zum Glück nicht nur die Aufklärungsmacher und Pariser Demagogen, die uns in diesen Wochen aus vielen Journalen entgegengrimmen, nicht die Terrormaschinisten, die bonapartistischen Glücksritter und Intriganten – sondern die Revolutionsbegeisterten, -trunkenen, die Freiheitsglücklichen. Ein Gesicht wie das des jungen Malers Wächter: Wie sicher er scheint, resolut den Kopf, samt Federhut und Kokarde, dem Betrachter zugewandt, die Arme über der Brust verschränkt – wie gewiß scheint er sich zu sein, den Sonnenaufgang der Freiheit mitzuerleben ...
Ludovike Simanoviz hat dieses Bild gemalt. Von ihr gibt es ein Selbstportrait – entstanden wohl noch in den achtziger Jahren, aber so erwartungsfroh, als ob sie das Neue schon ahnt. Und während man sie anschaut, hört man sie sprechen, die Sätze aus einem ihrer Briefe, die der Katalog zitiert: „Wie schön und groß kam mir die Revolution anfangs vor, und wie oft entlockte mir die Bewunderung derselben Tränen! Ich war eine Democratin aus voller Seele ...“
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Mit Napoleon ist dann alles zu Ende. Und fängt doch mit ihm erst an. Eine Ausstellung des Niederrheinischen Museums in Duisburg spürt der Wirkung der Großen Revolution in dieser Region nach. Und wieder ein ganz anderes Bild als in Zweibrücken oder in Ulm: denn die Franzosen sind hier, vor allem in den nördlichen, zu Preußen gehörenden Landesteilen, von Anfang an Eroberer. Kontributionen, Einquartierungen, Plünderungen, Rationierung von Lebensmitteln, vor allem um die eigene Versorgung sicherzustellen – das ist keine Freiheitspädagogik à la Custine, das ist nur noch Besatzer(un)recht.
Als im März 1795, also kurz bevor Berlin ganz aus dem Krieg ausscheidet, im ehemalig preußischen Moers die Aufstellung eines Freiheitsbaumes angeordnet wird, fällt die Feier entsprechend aus: „Unsere Französischen Brüder haben gemerkt, daß wir nicht ganz froh sind über die Freyheit, die sie uns bringen... Die heutige Feyer war just als wenn man einen Leichenzug siehet und unsere Freyheit ist heute begraben, gerade so gingen die Leute hinterdrein ...“
Die Wirren in Paris schaffen zusätzliche Unsicherheit und neue Drangsal; erst mit dem Frieden von Campo Formio 1797 tritt eine gewisse Ruhe ein. Österreich erkennt die Rheingrenze an, Preußen hatte schon vorher auf seine linksrheinischen Gebiete verzichtet. Die Hoffnung vieler rheinischer Jakobiner im Süden – in Mainz, Bonn und Köln – auf eine eigene, „cisrhenanische Republik“ verblaßt bald: Am 23. Januar 1798 wird das gesamte Land von Kleve bis Zweibrücken in vier Departements gegliedert, schließlich, nach einer dreijährigen Übergangszeit, mit dem Frieden von Lunéville 1801 endgültig Teil der Französischen Republik. Und mit den neuen Herren kommen die neuen Gesetze: der Code Civil, der Code Napoleon.
Die Duisburger Ausstellung konzentriert sich vor allem auf diese Wandlungen, zeigt, mit welcher Macht das Land zwischen Rhein und Ruhr (Napoleon hatte hier einem seiner Vasallen das „Großherzogtum Berg“ geschaffen) von dem Franzosenkaiser im wahrsten Sinne umgekrempelt wurde. Ganz wie im nordöstlich angrenzenden Königreich Westphalen, das er seinem Bruder Jerôme zugeschoben hatte, wollte Napoleon hier, stellt Hans-Georg Kraume in seiner Einführung zur Ausstellung fest, einen Modellstaat schaffen, „an dem demonstriert werden sollte, daß sich die ,Errungenschaften‘ der Revolution beziehungsweise des nachrevolutionären Frankreichs auf andere, vorrevolutionäre Staaten und Gesellschaften übertragen ließen, zum Vorteil des jeweiligen Landes“.
Dokument für Dokument, Akte für Akte protokolliert die Ausstellung diesen gewaltigen, gewaltsamen Prozeß – von der Einführung der Ziviltrauung über die Einziehung des Kirchenvermögens bis hin zu einer alle Zunft- und Standeszwänge hinwegfegenden neuen Wirtschaftsfreiheit, die dieser Region, die später zum riesigen Maschinenraum des Deutschen Reiches werden sollte, ihre Perspektiven gab.
Perspektiven? „Die Freiheit indessen, für die die Mainzer Klubisten glaubten sterben zu sollen“, bilanziert Hans-Georg Kraume diese Entwicklung, „hatte sich gegenüber den Ursprüngen reduziert auf die persönliche, bürgerliche und wirtschaftliche Freiheit. Es war nurmehr das, was Napoleon als ‚Bändiger‘ der Revolution von ihr übriggelassen hat. (...) Das war beileibe nicht wenig, aber es war ein technokratischer Begriff von Freiheit, der vor allem auf das möglichst effektive Funktionieren einer bürgerlichen Wirtschaftsgesellschaft ausgerichtet war, auf Befreiung zur Effizienz.“
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Die Französische Revolution in der Pfalz, in Schwaben, am Niederrhein – das war ein Anfang. Der „Anfang des Anfanges“, wie Stefan Zweig in seinem Stück über die Mainzer Republik Georg Forster zu Adam Lux sagen läßt.
Deutsche Anfänge. „Spuren der Besiegten“ nannte Helmut Haasis seine vor einigen Jahren erschienene große Sammlung republikanischer Dokumente zur deutschen Geschichte. Ja, Besiegte – doch wenn in diesen Tagen, zum vierzigsten Jahrestag des Grundgesetzes, wieder einmal das Jahr 1949 als „der zweite Anlauf nach Weimar“ oder gar als die „Stunde Null der deutschen Demokratie“ beschworen werden sollte, dann ist dem Redner sofort und energisch ins Wort zu fallen. Denn da war noch was – lange, lange davor.





