Regierungssprecher Kleins Gedanken zur Geschichte:: SS-Nostalgie
Die Waffen-SS war doch eine kämpfende Truppe, keine Verbrecher. Die glaubten, ihr Vaterland verteidigen zu müssen.“ Und das, so sagte es der neue Bonner Regierungssprecher zehn Tage nach seinem Amtsantritt, müßten die Kinder in der Schule wieder lernen. Denn ein Volk vertrage es nur schwer, „unversöhnt mit den Toten (zu) leben“. Ein Ewiggestriger, dieser Johnny Klein? Jemand, der nicht vergessen kann, wie er damals, mit dreizehn Jahren, im Sudetenland die Heimat verteidigte? So wie die SS-Leute in Auschwitz, in Oradour, vor Moskau und auf Korsika das Vaterland verteidigten?
„Wir stehen zu unserer Vergangenheit“, sagt Johnny Klein. Stimmt. „Wir haben Milliarden an Wiedergutmachung an die Überlebenden des Holocaust gezahlt.“ Und nun Versöhnung bitte. Mit allen. Und eine Gedenkstätte. Für unsre, nein, für alle Toten. Wie Helmut Kohl es gerade wieder vorm Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sagte: eine zentrale Gedenkstätte müßte man bauen, die „allen Opfern“ gewidmet ist – „den deutschen wie den nichtdeutschen, jenen, die in Konzentrationslagern ermordet wurden, wie jenen, die etwa (!) in dem von Deutschen begonnenen Zweiten Weltkrieg starben“. Pater Kolbe, der ins Gas ging, und Schönhubers Kameraden, die jungen Idealisten – alle geehrt mit einem Stein. Alles deutsche Geschichte, alles europäische Geschichte, alles eins. Vergaste Zigeuner und Landser vor Moskau, tote Kommunisten und Graf Stauffenberg, alles eins.
„Welchen Sinn soll es haben, ... aufzurechnen“, sagt der Kanzler der Deutschen, „wie dies einige wenige immer noch tun? (...) Wir nehmen unsere Geschichte ohne Wenn und Aber an – mit ihren großartigen aber auch mit ihren schrecklichen Seiten. Niemand von uns kann und darf sich einzelne Teile davon heraussuchen oder andere verdrängen.“ Ohne Wenn und Aber. Das klingt nach Stillgestanden: Kollektiv haben wir die Heimat verteidigt, kollektiv haben wir uns schuldig gefühlt, kollektiv haben wir Milliarden Wiedergutmachung gezahlt, und kollektiv wollen wir die Geschichte jetzt lossein und Kränze niederlegen. Es ist so aberwitzig und ekelerregend, daß man sich fragt: Wozu dies alles jetzt? Wozu nach dem Debakel der Historikerdebatte eine neue historische Initiative der Regierung Kohl?
Die CDU müsse jetzt, so heißt es in einem Strategiepapier aus dem Adenauer-Haus, mehr Nationalstolz zeigen, ohne den Nationalsozialismus zu verdrängen. Sie solle „staatstragende Bürger“ wie Polizisten, Soldaten oder konservative Beamte „demonstrativer“ loben, und eine „kritische Auseinandersetzung mit denjenigen“ beginnen, die „Deutsche unter Hinweis auf die Vergangenheit pauschal zu Menschen zweiter Klasse herabwürdigen wollen“. „Überlegungen zur Strategie der CDU gegenüber den REP“ ist das Papier überschrieben, und die ganze Versöhnung mit den toten SS-Männern dient nur dem Kampf um Stirnmen: „Je klarer die Abgrenzung zwischen der CDU und rot-grün ist, um so leichter sind potentielle REP-Wähler an die CDU zu binden.“
„Wir sind nicht die Ewiggestrigen“, sagte Franz Schönhuber 1987, „sondern die dauerhaft Morgigen.“ Politiker eben auf der ewigen Suche nach Stimmen. „8. Mai 1945 – 8. Mai 1988! Damals Kampf ums Überleben, heute Ringen um Stimmen.“ That’s it, boys. Die internationale Presse muß sich nicht erregen über den neuen deutschen Nationalismus und die SS-Nostalgie des Regierungssprechers. Johnny Klein ist kein Mann von gestern, sondern nichts als ein Politiker auf der Suche nach Mehrheiten. Bereit, wegen ein paar Tausend Stimmen Mörder zu Patrioten zu machen. Posthum und vorübergehend.
Mathias Greffrath





